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Meine DDR-Erfahrung

Antwort auf den Leserbrief "Eine Meinung zum Leben in der DDR" vom 24.09.2026

Hallo Herr bzw. Frau Anonym, da Sie etwas ungläubig auf meine Gedanken und Erfahrungen schauen, gebe ich gerne noch "Butter bei die Fische". Als die Wirtschaft-, Währung- und Sozialunion am 1.7.1990 in Kraft trat, war ich 30 Jahre alt. Bis dahin habe ich einige Jahre als Kraftfahrer einen W 50 Sattelauflieger beim Mischfutterwerk in Neubukow gefahren. Für die Arbeit galten Normen, wie übrigens in jedem VEB. Die Touren wurden mit mehr km geplant, als sie tatsächlich lang waren. Funktionstüchtige Fahrtenschreiber waren nicht vorhanden. Für das Ausblasen des Mischfutters beim Kunden war 60 min die Norm, tatsächlich gebraucht wurde eine halbe Stunde. Wenn ich dann auch noch bei einer LPG oder VEG das Futter auf einem Hallenboden ablassen konnte, war ich nach 10 min wieder vom Acker. Geschrieben wurde immer die Norm: 60 min. Dann gab es auch Tage, wo nicht viel oder auch gar nichts zu tun war. Da wurde die Zeit irgendwo und irgendwie verbracht: In der Werkstatt wurde bisschen gebastelt, der nächste hat zu Hause seinen Garten umgegraben etc. Zu tun gab es für jeden. (privat vor Katastrophe - pvK). Für all das gab es 100 % Lohn. Manchmal gab es natürlich auch mehr zu tun, dann wurde eine Sonderschicht gefahren. Natürlich mit Mehrarbeitsvergütung. Mein kleiner Betriebsteil mit 150 Beschäftigten war nicht der Nabel der DDR. Nach dem 1.7.1990 haben viele Bereiche der ostdeutschen Volkswirtschaft aber auch deshalb den Abflug gemacht, weil sie nicht konkurrenzfähig waren. Das was ich hier schildere, habe ich mal auf einer SED-Parteiversammlung im Betrieb zur Sprache gebracht. Anschließend gab es Druck von oben und unten. Von oben, weil ich den Herrschaften ans Schienbein getreten bin. Von meinen Kollegen, weil ich unsere Wohlfühloase madig machte. pvK - kein Witz, sondern Lebensweisheit. Zu den wenigen Mutigen: Die Demos in Leipzig starteten am 4. September 1989 nach Friedensgebeten in der Nikolaikirche, angefangen mit rd. 1.200 Menschen. Woche für Woche, am 9. Oktober 1989 waren es dann die 70.000 auf dem Leipziger Innenring. Diese Menschen sind die wenigen Mutigen gewesen, die sich anfangs gegen die Knüppel von Stasi und VP, Inhaftierung und Folter zur Wehr setzen mussten. Es sind die 70.000 gewesen, die nicht wussten ob Panzer wie ein paar Monate zuvor auf dem Platz des himmlischen Frieden in Peking gegen sie eingesetzt werden. Alles, was danach auf der Straße passierte, in den vielen Städten der DDR wie von Ihnen geschrieben, war von dieser Gefahr befreit. Da gab es dann ganz viele Mitläufer im reinsten Wortsinne. Einig sind wir uns in der Sicht auf das vielfältige Engagement von Menschen in Vereinen und örtlichen Initiativen, ohne die das Leben nicht lebenswert wäre. Ich sprach jedoch auch vom fehlenden Engagement in Parteien und Gewerkschaften. Am vergangenen Samstag war beste Gelegenheit, seinen Unmut gegen die "Kürzungsreformen" bei Rente, Pflege und Gesundheit bei Demo und Kundgebung in Rostock zum Ausdruck zu bringen. Wir waren ein vergleichsweise kleines Häuflein. pvK

Andreas Hofmann, Papendorf, 28.09.2026

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