Leserbriefe lesen

Die DDR und die Kriminalität

Frau Wörpel-Bauer erinnert sich an DDR-Zeiten aus der Perspektive des Nachhineins, was verständlicherweise mit dem Abstand auch eine gewisse Verklärung erfahren kann. Das geht uns allen so. Auf einen Punkt will ich aber eingehen, nämlich ihre Aussage, dass wir kaum Kriminalität gehabt hätten. War das wirklich so? … Kriminalität in einem Land wird an der Kriminalstatistik gemessen. Auch die DDR hatte eine solche. Auffällig war an dieser Statistik, dass die Kriminalitätsrate, d. h. die Zahl der Delikte im Verhältnis zu der Zahl der DDR-Bürger, sehr gering war. So entstand der Mythos, dass es in der DDR auch sehr viel weniger Kriminalität als in der Bundesrepublik gegeben habe (und hat). … Denn, die Kriminalstatistik wurde in der DDR aus politischen Gründen geschönt. In der DDR vertrat man seitens der Regierung die Auffassung, dass der Sozialismus weniger Kriminelle hervorbringe als der Kapitalismus. Das wollte man durch die Statistik untermauern. Schaut man sich die Statistiken verschiedener Jahre aber genauer an, so sind gewisse Auffälligkeiten zu bemerken, die auf Manipulation hindeuten. Und man wendete einen Trick an: Ab Juli 1968 bzw. mit dem neuen DDR-Strafgesetzbuch (nStGb) wurden bestimmte Delikte nicht mehr als Straftat gezählt. Bagatelldiebstähle, Beleidigung oder Hausfriedensbruch, also Straftaten, die in der Bundesrepublik in die Kriminalstatistik eingehen, wurden nicht mehr als Straftaten sondern als „Verfehlungen“ gezählt. Damit waren sie in der DDR nicht mehr Teil der Statistik. Außerdem wurden nicht alle Straftaten in der Kriminalstatistik gezählt: Der „ungesetzliche Grenzübertritt“, also die Flucht aus der DDR, die ja strafbar und besonders beim MfS sogar ein Schwerpunkt operativer Arbeit war, wurde nicht gezählt. So entstanden deutlich niedrigere Zahlen, als man erwarten würde. … Am häufigsten vertretenen Delikte waren übrigens Diebstahl, Verkehrsdelikte, „Rowdytum“ und Körperverletzung. Bestimmte Faktoren bedingten bei bestimmten Delikten niedrigere Fallzahlen. So gab es insgesamt weniger Diebstahl in der DDR, was jedoch maßgeblich auf ein geringeres Warenangebot in den Geschäften zurückzuführen ist, woran sich DDR-Bürger sicher gut erinnern. … In der DDR war die Kriminalität etwa vergleichbar hoch wie in der Bundesrepublik. Aus der Perspektive von Historikern verwundert das nicht, denn in allen Kulturen gab und gibt es Kriminalität. Selbst Kapitalverbrechen gab es in der DDR viel mehr, als man in den Medien wahrnahm. Das hatte damit zu tun, dass die DDR sich als der bessere deutsche Staat gegenüber der Bundesrepublik darstellen wollte und so nur das veröffentlicht worden ist, was sprichwörtlich schon die Spatzen von den Dächern pfiffen. In den Statistiken und Berichten von Kripo und Stasi sah es viel düsterer aus, als der normale DDR-Bürger erfuhr, waren diese Informationen grundsätzlich doch streng geheim. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. … Das Bild, das die DDR-Regierung bewusst von ihrem Land entwarf und keineswegs der Wahrheit entsprach, wirkt bis heute nach, auch in der aktuell sehr verbreiteten Ostalgie, welches die eingangs erwähnte Verklärung mit befördert, selbst bei der überdeutlichen Mangelwirtschaft und der politischen Gängelei bis hin zur Repression, welche die DDR am Ende in Wahrheit als eine Diktatur kennzeichnet.

Haiko Hoffmann, Schwerin, 03.09.2026

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.