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< Zurück zur ÜbersichtZum 85. Jahrestag des 22. Juni 1941
Es war ein strahlender Sonntag, der 22. Juni 1941. Aufgeregt kam der Nachbar ins Haus gestürmt: »Habt Ihr schon gehört ...?« Wir hatten nicht, denn wir besaßen kein Radio. »Wir haben die Sowjetunion überfallen!« Schock! Nach längerem Schweigen murmelt mein Vater: »Diesen Krieg werden wir nicht gewinnen!« Das entsetzte mich, den zehnjährigen Pimpfen, so, dass ich diesen damals lebensgefährlichen Satz bis heute nicht vergessen habe. Dieser Angriffs- und ausgesprochener Raubkrieg begann trotz aller Verträge, ohne Kriegserklärung mit drei Millionen Soldaten und von Anfang an mit beispielloser Härte. Er kostete 23 Millionen Sowjetbürgern das Leben, Städte und Dörfer wurden zerstört oder ausgehungert wie Leningrad. Für diese ungeheure Katastrophe für das Sowjetvolk, für dieses Land war allein Deutschland, der Aggressor, verantwortlich. Dass die Sowjetunion Deutschland besiegen konnte, ändert an der Schuld Deutschlands überhaupt nichts, auch wenn versucht wird, mit der Erwähnung und Darstellung des Sieges Russlands über Deutschland Verständnis und Mitgefühl für den Besiegten zu erzeugen. Das bleibt allgemein nicht ohne Wirkung, gibt es doch nur noch sehr wenige Bürger, die diese Zeit miterlebten, für die allermeisten ist das alles nur längst vergangene Geschichte und für die Bewertung der heutigen Ereignisse nicht relevant. Aus Unkenntnis glaubt man auch, dass der Sieger, Russland, uns überfallen wird und dass wir deshalb aufrüsten und Schutzräume bauen und überhaupt kriegstüchtig werden müssen, obgleich es für diese Annahme nicht die geringsten Beweise oder Belege gibt. Die Auseinandersetzung mit der Ukraine, die noch vor wenigen Jahrzehnten ein Teil Russlands war, hat spezifische, lokale Ursachen und ist keineswegs auf die Beziehung Russlands zu den europäischen Staaten zu übertragen. So wie wir uns ehrlich und vorbehaltlos zu Deutschlands Verbrechen gegen die Juden bekennen, sollten wir uns auch unserer Schuld gegenüber dem russischen Volk bewusst sein. Beide Verbrechen sind meines Erachtens unverjährbar. Zehn Jahre nach Ende des Krieges fuhr ich in einer Studentengruppe nach Leningrad, ungewiss wie man uns empfangen wird. Bei der 900 Tage währenden Blockade Leningrads durch deutsche Truppen kamen 900.000 Menschen auf entsetzliche Weise ums Leben ... Wir wurden sehr freundlich empfangen und erhielten alle Möglichkeiten, Menschen und die Stadt kennenzulernen. Nichts erinnerte bei unserem Besuch an die schreckliche Vergangenheit.
Dr. Klaus Freygang, Rostock, 18.06.2026