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Stralsund im 3. Reich

Die Seniorenakademie 55plus Stralsund hatte den Stralsunder Stadtarchivar Dr. Andreas Neumerkel zu einem Vortrag „Stralsund im 3. Reich“ eingeladen. Zuvor war ein Bild zu sehen mit dem Bundespräsidenten F.W. Steinmeier, der geehrten Heidrun Könenkamp und Jutta Lüdecke vor dem Museumsshop im Ozeaneum. Auch von hier nochmals herzlichen Glückwunsch an H. Könenkamp für die hochverdiente Auszeichnung mit dem Landesverdienstorden! Dr. Neumerkel gab zu verstehen, dass die 12 Jahre Naziherrschaft in der historischen Betrachtung für Stralsund bisher mehr als stiefmütterlich behandelt wurde und noch viel zu tun ist. Seine Aussagen zu dieser Zeit stützen sich auf historische Recherchen und viele Bilder aus den damaligen Zeitungen. Natürlich hat das verbrecherische NS-System auch in der Hansestadt seine Spuren hinterlassen. Am 19. Juli 1932 trat Hitler in Stralsund auf. In Negast leitete Karl Krull ein Ferienlager der Roten Falken (SPD). Um Konfrontationen bei der vermeintlichen Durchfahrt Hitlers mit den Sozialdemokraten zu umgehen, wurde ein Polizeiaufgebot dorthin beordert. Bei einem Schusswechsel wurde K. Krull verletzt und starb einen Tag später im Stralsunder Krankenhaus. Der Stralsunder Herbert Lange vergaste Juden in einem dafür umgebauten LKW, was Vorbild für Auschwitz wurde. 1933 wurde die NSDAP in Stralsund gegründet, ihre Kreisleitung saß im großen Backsteinbau gegenüber dem Bahnhof. Die Stralsunder blieben aber überwiegend deutsch-konservativ. Von 1924 – 1936 war Carl Heydemann (DNVP) „Erster Bürgermeister“ Stralsunds (ab 1925 mit dem Titel „Oberbürgermeister“). Ihm zu Ehren wurde nach dem Krieg der „Horst-Wessel-Ring“ in „Carl-Heydemann-Ring“ umbenannt. Sein Verdienst bestand darin, dass er durch seine „Schutzhaft“-Befehle Inhaftierte aus dem KZ Sonnenburg nach Stralsund zurückholen konnte. Am Tribseer Damm, am Moorteich und in der Brunnenaue wurden HJ-Heime gebaut. 1935 wurde die Allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Das erforderte die Erweiterung bestehender und den Neubau von Kasernen, z.B.in der Hafenstraße (heutiges Pflegeheim R. Luxemburg), die heutige Goethe-Schule, der heutige Sitz des Landkreises am Platz des Friedens, und 1938 auf der Schwedenschanze. Hinzu kam das Marinelazarett (heutiges KH Am Sund). Nach dem Krieg wurden in den Kasernen bis zu 10.000 Flüchtlinge untergebracht. Für die damals in Stralsund ca. 260 lebenden Juden war es eine besonders schlimme Zeit. Zwei ganz bekannte Geschäftsleute waren einerseits Abraham und Theodor Wertheim, die 1903 in der Ossenreyerstraße das große Kaufhaus eröffneten (früher Konsument-Warenhaus). Andererseits legte Leonhard Tietz 1879 die Wurzeln für den heutigen Galeria Kaufhof. In der Reichspogromnacht am 10.11.38 wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört sowie die Synagoge in der Langenstraße in Brand gesteckt. Im Trocadero trat Zarah Leander auf, Juden war der Zutritt verwehrt. Der schlimmste Tag für die Stadt war der 06.10.44 mit dem durch die Amerikaner geflogenen Bombenangriff, dem ca. 800 Menschen zum Opfer fielen und der große Teile der Altstadt zerstörte. Auch die Befreiung der Stadt durch die Rote Armee am 1./2.5.45 blieb nicht folgenlos, weil viele Bürger aufgrund der schlimmen Nazipropaganda über die Russen und die Rote Armee und der daraus folgenden Angst Selbstmord begingen. Dr. Neumerkel bot den sehr dankbaren 107 Anwesenden ein äußerst aufschlussreiches Bild über diese Zeit, aus der man nur einen Schluss ziehen kann: Nie wieder Krieg! Wolfgang Mengel, Seniorenakademie

Wolfgang Mengel, Stralsund, 04.05.2026

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