Leserbriefe lesen

Kinderlärm verstummt

Die Welt wird lauter, doch der Kinderlärm verstummt. Wer heute in unserer Kleinstadt mit mehr als einem Kind auf die Straße geht, erntet Blicke. Wer drei oder mehr Kinder an der Hand hält, wird angesprochen. Oft schwingen dabei Vorurteile mit, die tief blicken lassen: „Haben Sie zu viel Freizeit?“ oder „Wie kann man sich das nur antun?“ Es scheint, als sei die Entscheidung für eine große Familie in einer Gesellschaft, in der jeder jeden kennt, zu einem Akt der Exotik geworden. Großfamilien sind selten geworden – und damit schwindet offenbar auch die Toleranz. Wie tief das Unverständnis sitzt, zeigt ein Vorfall aus der Nachbarschaft. Eine befreundete Familie, die mit uns unter einem Dach lebt, wurde allen Ernstes gefragt, wie sie das überhaupt aushalte. Die Kinder seien doch laut und würden ständig schreien. Ja, unsere Kinder sind laut. Sie lachen, sie streiten, sie spielen und sie weinen, wenn sie traurig sind. Kurz gesagt: Sie leben. Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, sah die Welt noch ganz anders aus. Wir waren damals rund zwanzig Kinder in einer einzigen Straße. Wir waren mit Sicherheit noch viel lauter, doch es gehörte einfach dazu. Wir durften überall spielen, ohne dass jemand auf die Uhr schaute. Heute ist der öffentliche Raum für Kinder streng reglementiert. Spielen sie auf der ausgewiesenen Spielstraße, beschweren sich Autofahrer, dass es schließlich eine Straße sei. Gleichzeitig werden Spielplätze vernachlässigt, Freizeitangebote gekürzt und Förderungen für Familien kontinuierlich abgebaut. Es ist eine traurige Entwicklung: Die Gesellschaft grenzt diejenigen aus, die eigentlich ihre Zukunft tragen sollen. Diese Kurzsichtigkeit ist auch wirtschaftlich fatal. Lokale Geschäftsleute sollten eigentlich alles daran setzen, junge Familien in der Region zu halten und zu fördern. Familien sind der Motor der heimischen Konsumgesellschaft. Wo keine Kinder mehr aufwachsen, stirbt irgendwann das Vereinsleben, das Gewerbe und letztlich die gesamte Gemeinschaft. Doch statt Unterstützung erleben Eltern auch auf dem Arbeitsmarkt massive Hürden. Mütter und Väter berichten immer wieder davon, bei Bewerbungen aussortiert zu werden – aus Angst der Unternehmen vor Fehlzeiten durch kranke Kinder. Anstatt familiäre Multitasking-Talente als Bereicherung zu sehen, werden sie als Risiko eingestuft. Wir müssen uns als Stadtgemeinschaft dringend fragen, wo das hinführen soll. Die Welt um uns herum wird durch Verkehr, Konsum und Technik immer lauter. Doch ausgerechnet das lebendigste Geräusch, das Lachen und Spielen unserer Kinder, wird systematisch leiser gedreht. Wenn wir nicht aufpassen, verstummt es irgendwann ganz – und mit ihm unsere Zukunft.

Anonym., Wittenburg (Name dem Verlag bekannt), 13.09.2026

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.