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Verhandlungsfrieden oder totalen Krieg

In Deutschland leben gegenwärtig noch etwa sechs Millionen Menschen, die den Zweiten Weltkrieg persönlich erlebt haben. In vielen Familien sind noch Erinnerungen an die im Krieg „gefallenen“ Väter, Söhne und Brüder. Das Wort „gefallen“ sagt nicht die Wahrheit. Die Soldaten in den Schützengräben sind nicht einfach hingefallen, sie wurden von Granaten zerstückelt, von Panzern überrollt oder so verwundet, dass sie als Invaliden zu ihren Familien zurückkamen. Viele überlebten die langen Jahre der Gefangenschaft bei harter Arbeit und kläglicher Verpflegung nicht. In der Literatur gibt es genügend Beschreibungen über die Grausamkeiten an den militärischen Fronten. Das Ende des 19. Jahrhundert erschienene Buch „Die Waffen nieder“ von Bertha von Suttner steht stellvertretend für diese Literatur in der ersten Reihe. Bertha von Suttner starb wenige Wochen vor Beginn des Ersten Weltkrieges mit der festen Überzeugung, dass bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Kriege für immer der Vergangenheit angehören. Wir schreiben bereits seit 26 Jahren das 21. Jahrhundert. Im September 2001 hielt der russische Präsident eine Rede im Deutschen Bundestag. Bereits während seiner Rede erhielt er mehrfach Applaus von den Abgeordneten, so dass er stets eine Redepause einlegen musste. Unter anderem betonte er sehr eindringlich, ein gemeinsames europäisches Haus zu errichten. Er erhielt dafür von den Abgeordneten jubelnde Zustimmung. Am Ende erhoben sie sich von ihren Plätzen und bedankten sich stehend mit minutenlangem Applaus beim russischen Präsidenten. Und welche vertrauensbildenden Maßnahmen ergriff unsere Regierung danach? Sprach der Bundeskanzler oder ein anderer hochrangiger Vertreter unserer Regierung im russischen Parlament? Mir ist davon nichts bekannt. Inzwischen gibt es von einigen unserer Politiker die Aussage: “Der Putin hat euch nur erzählt, was ihr hören wolltet.“ Selbst wenn es so gewesen sein sollte, ergibt sich die Frage, warum ist unsere Regierung nicht auf seine Vorschläge eingegangen? Russlands Hauptstadt liegt in Europa, dort hat die politische Führung ihren Sitz. Die jetzige Europäische Union ist nur eine Teileuropäische Union. Sollte es wahr werden, dass das gesamte geografische Europa ein Staatenverbund würde, dann könnte und sollte die USA nicht nur 5.000 amerikanische Soldaten abziehen, nein, dann sollten alle fremden Soldaten aus Europa abziehen. Dann hätte die NATO ihre Bestandsberechtigung verloren. Wenn heute Politiker davon schwärmen "Wir müssen aufrüsten, damit wir nicht angegriffen werden", dann ist dies eine Denkweise aus den vergangenen Jahrhunderten. Wer sich mit Geschichte ein wenig beschäftigt, kennt die Ergebnisse der Kriege Napoleons, des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Im Verhältnis Russland und Ukraine ist nun das Kind in den Brunnen gefallen. Ob Russland in den vorangegangenen Jahren von den westlichen Staaten provoziert wurde oder nicht, dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen. Fakt ist: Auf dem Schlachtfeld ist dieser Zwist nicht zu entscheiden. Hier muss die Diplomatie aktiv werden. Es muss Russland ein Angebot gemacht werden, in welchem auch ein Vorteil für das Land zu erkennen ist. Das Angebot an Russland kann nur heißen: Sofortiger Frieden, Anerkennung der vor Kriegsbeginn bestehenden Grenzen und Aufnahme des Landes in die Europäische Union. Ohne auf Details einzugehen: Ein vom Atlantik bis zum Pazifik vereintes Europa hätte großen Nutzen für alle Menschen in diesem Territorium und darüber hinaus. Ich wünsche und hoffe, dass sich unsere Regierung und die Europäische Union für diesen Schritt entscheiden. Unser Altbundeskanzler Helmut Schmidt schrieb für das Buch „Mein Leutnant“ des russischen Autors Daniil Granin das Vorwort. Die beiden letzten Sätze daraus lauten: „Russland ist der größte Partner und der mächtigste Nachbar in Europa. Ohne Russland kann es in Europa keinen Frieden geben.“

Winied Schwarzer, Rostock, 05.05.2026

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