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< Zurück zur ÜbersichtRücksichtsloses Verhalten
Was ich am vergangenen Wochenende erleben musste, lässt mich bis heute nicht los. Gemeinsam mit meiner Familie war ich von meinen hochbetagten Großeltern (86 und 85 Jahre) zum Essen an den Bleichen eingeladen. Nach eigentlich schönen Stunden standen wir noch vor dem Hotel auf dem Gehweg zusammen, im Gespräch, mein acht Monate alter Sohn ruhig im Kinderwagen. Dann geschah etwas, das uns alle fassungslos machte. Ein Jogger kam in hohem Tempo aus Richtung Friedrich-Engels-Straße auf uns zugelaufen. Er sah uns – eine Gruppe, darunter zwei sehr alte Menschen und ein Kinderwagen – und entschied sich dennoch, ohne zu bremsen mitten durch uns hindurchzulaufen. Ausweichen wäre ohne Weiteres möglich gewesen. Ich reagierte instinktiv und schob den Kinderwagen zur Seite. Doch für meinen Großvater kam jede Hilfe zu spät: Der Jogger rempelte ihn so heftig an, dass er stürzte und hilflos auf dem Gehweg liegen blieb. Was dann folgte, war für mich noch erschütternder als der Zusammenstoß selbst. Der Mann hielt nicht an. Er half nicht. Er entschuldigte sich nicht. Stattdessen beschimpfte er uns im Vorbeilaufen und lief einfach weiter und bog in die Bruno-Bürgel Straße ab. Einen 86-jährigen Menschen zu Fall zu bringen und ihn dann liegen zu lassen – das ist nicht nur rücksichtslos, es ist würdelos. Zum Glück hat mein Großvater keine schweren Verletzungen erlitten. Doch der Schock sitzt tief. Und die Frage bleibt: In was für einer Gesellschaft leben wir, wenn selbst ein solcher Moment keinen Anstand und kein Mitgefühl mehr hervorruft? An den Jogger möchte ich mich direkt wenden: Falls Sie diesen Brief lesen – halten Sie einen Moment inne. Denken Sie darüber nach, was Sie getan haben. Und zeigen Sie die Größe, die Ihnen in diesem Augenblick gefehlt hat: Melden Sie sich und entschuldigen Sie sich bei meinem Großvater. Und an alle anderen: Nehmen wir diesen Vorfall als Mahnung. Ein kurzer Moment der Rücksicht hätte genügt, um all das zu verhindern. Menschlichkeit zeigt sich oft in genau solchen Situationen.
Gabriel Braatz, Ribnitz, 23.03.2026