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Fastenzeit - Einwurf von der Seitenlinie

Fastenzeit - Einwurf von der Seitenlinie Ein Gespräch: A: „Die da oben fahren jetzt wirklich alles an die Wand.“ Überall wird abgebaut, Deutschland wird deindustrialisiert, flächendeckend. Stuttgart ist das nächste Detroit. Und dann erst die Pendler und Autofahrer. Nirgends als in Deutschland werden die Menschen so abgezockt wie hier.“ Mit hochrotem Kopf und erregter Stimme spricht ein Mann mittleren Alters auf einen älteren Herrn ein. Der nickt zustimmend, wird allerdings immer rat- und sprachloser. B: „Ja, ich weiß auch nicht mehr, was heute noch gilt. Da greift Russland ein souveränes Land mitten in Europa an. Da wird der Iran – sicherlich kein demokratischer ‚Musterschüler‘ – von Israel und den USA von einem Krieg überzogen, dessen Folgen global noch gar nicht absehbar sind. Ebenso wenig wie das Ende und der Ausgang des Krieges. Es scheint so zu sein, dass sich brutale Macht rücksichtlos durchsetzt. Und letzten Endes geht es immer um Ein- und Dasselbe: Land, Macht, Öl, Wasser, Einfluss. Ich kann mich nur noch auf meinen kleinen privaten Bereich zurückziehen. Da, wo ich noch etwas bewirken kann. Dort versuche ich, Gutes zu tun. Und das rate ich dir auch.“ Beide Männer sprechen weiter, es wird noch lauter und hektischer, z. T. beleidigend. Ich gehe weg von der Bank auf einem belebten Platz in unserer Innenstadt. Und ich frage mich: Wie kann man damit umgehen? Umgehen mit der Wut und dem Zorn. Umgehen mit der großen Angst und Sorge, die offensichtlich hinter allem stehen. Umgehen mit der Erfahrung, dass tatsächlich selbst solche globalen Krisen von Ölmultis schamlos ausgenutzt werden, um Geschäfte auf dem Rücken der Verbraucher zu machen. Umgehen mit der offensichtlichen Erfahrung, dass ‚die Politik‘ kaum wirkliche Instrumente zur Verfügung hat, um wirksam solchen Auswüchsen der Macht entgegenzutreten. Verzicht Aus christlicher Tradition kommen mir zwei Möglichkeiten zur Hilfe, die leicht in die Praxis umzusetzen sind. Christen sind derzeit in der so genannten Fasten – oder Passionszeit. Da gibt es den Hinweis und die Übung des Verzichtes. Wie wäre es, für einige Tage oder Wochen – und das nicht nur in der Fastenzeit – auf das Handy zu verzichten? Das ist das Gegenteil von Verdrängung. Es ist vielmehr ein bewusster Akt der Freiheit, sich nicht mehr ungeschützt den ‚Filterblasen‘ und Algorithmen des Hasses und der Ressentiments auszusetzen. Dankbarkeit Und ein Zweites: Sprechen sie mit anderen über das, was in ihrem Leben gut läuft, wofür sie dankbar sind, woran sie sich erfreuen. Sprechen sie darüber, dass das Leben ein Geschenk ist. Freude und Dankbarkeit sind kein Luxus, sondern eine Haltung. Vielleicht ist die Fastenzeit eine gute Gelegenheit, noch einmal neu in das Leben zu schauen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, das Gute wahrzunehmen, was andere Menschen für uns bereithalten, die Menschen an unserer Seite wahrzunehmen und wertzuschätzen. Vielleicht können wir so eine andere, positivere Lebenseinstellung einüben und uns so immunisieren gegen Resignation und Fatalismus – in der Fastenzeit und darüber hinaus.

Rudolf Hubert, Schwerin, 05.03.2026

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