Leserbriefe lesen

Wann?-Dann!

„Wann wird man endlich verstehen?“ Gemeint ist, dass Frieden auf diplomatischem Wege in der Ukraine zustande kommen soll. Wer will das denn wohl nicht?! Ja, auf das Verstehen kommt es tatsächlich an, denn unzählige Male hat die Ukraine Waffenstillstandsvereinbarungen vorgeschlagen, kein einziges Mal der Kriegstreiber im Kreml. Ich gehe nicht davon aus, dass der Autor des Leserbriefes meint, Frieden sei mit Unterwerfung identisch. Also, erste Antwort: Dann, wenn zur Friedenswilligkeit auch Friedensfähigkeit hinzukommt. Beides ist in Kiew vorhanden, in Moskau nicht. Ist das so schwer zu verstehen?! Ist es schwer zu verstehen, dass Putin nur deshalb Krieg führen kann mit ungeheurem Vernichtungswillen dem gesamten ukrainischen Volk gegenüber (das ja kein Volk sein soll mit eigener Identität, so, wie es unter russischer Diktatur jahrhundertelang unterdrückt wurde!) weil es Mächte gibt, die daran verdienen und die ihre eigenen Interessen verfolgen? Ist das so schwer zu verstehen, wenn ein Genozid vor aller Weltöffentlichkeit stattfindet – trotz ‚Sicherheitsgarantien‘ im Budapester Memorandum? Die schwierige Lage im Nahen Osten mobilisierte Tausende, die ihren Protest auf die Straßen trugen. Ob sie immer ausgewogen oder doch mehr interessegeleitet sich äußerten, darüber will ich nicht befinden. Wohl aber darüber, dass es absurd ist, einer Unkultur von Einfluss- und Interessensphären Verständnis entgegenzubringen. Das gilt generell, egal wo sich Totalitarismus und Staatsterrorismus breit machen. Kleinere Staaten haben keine andere Chance als das Überleben in – frei gewählten – Bündnissen. Dass das den Autokraten und Despoten – egal, wo sie herrschen – nicht gefällt, sollte jedem einleuchten. Tut es das?! Ihnen das Wort zu reden, Verständnis für deren Position zu zeigen, deren Lügen weiter zu tragen – Stichwort NATO- Osterweiterung oder ‚Hinterhof‘- lässt in der Tat fragen: „Wann wird man endlich verstehen?“ Und wann wird man endlich die Dinge beim Namen nennen? Z. B., dass der russische Staatsterrorismus, der von einem staatsmonopolitischen Imperialismus zügellos und mit äußerster Brutalität vor aller Weltöffentlichkeit geführt wird, um den ‚postsowjetischen‘ Einflussbereich wieder zu beleben. Dass billiges russisches Gas als Waffe geführt wird und große Länder, wie China, Brasilien und Indien eigene Interessen verfolgen bei ihrer Unterstützung des russischen Aggressors. Dass es andere Mächte als Russland gibt, die auch mit Bodenschätzen Abhängigkeiten errichten, ist ebenso verwerflich. Doch kann man mit dem Unrecht des Einen das Unrecht das Anderen rechtfertigen?! Man sollte nicht nur, man muss mit ein- und demselben Maß messen. Man wird dann verstehen, wenn – endlich – die Wahrheit gesagt wird, dass es kein Recht gibt, anderer Völker mit Gewalt zu versklaven. Und wenn das der Herr im Weißen Haus ebenfalls so sieht wie der Herr im Kreml, dann muss das entsprechend genauso benannt werden. Das Kapital holt sich, was es kriegen kann – unabhängig von der Himmelsrichtung. Man wird dann verstehen, wenn deutlich wird, wie gefährdet die offene Gesellschaft ist, wenn sie – brutal oder subtil – unterdrückt, bekämpft oder unterwandert wird. Und man wird dann verstehen, wenn Menschen überall und unabhängig von allen Unterschieden, dafür eintreten, dass ein JA ein JA ist - und bleibt. Ebenso ein NEIN ein NEIN. Wenn die Stärke des Rechts gilt und nicht das Recht des Stärkeren! Dann wird man verstehen. Wer das als wenig realistisch oder als unrealistisch ansieht – der hat immer noch nicht verstanden, was auf dem Spiel steht. Letztlich unser Menschsein, unser (Über)Leben in einer menschlichen Gesellschaft, die diesen Namen auch verdient.

Rudolf Hubert, Schwerin, 20.01.2026

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