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< Zurück zur ÜbersichtEin Albtraum
Letzte Nacht hatte ich einen furchtbaren Albtraum und wachte schweißgebadet auf. Ich hatte geträumt, es war Krieg! 120.000 Soldaten müssen bei uns im Nordosten versorgt werden. Alle Hilfsorganisationen und private Firmen helfen dabei. Sogar die Rüstungsfirma Rheinmetall leistet Hilfe (wahrscheinlich völlig uneigennützig). Unsere Flughäfen und Seehäfen sind Drehkreuze für Truppen – und Materialtransporte. Weil der Hafen Rostock zerstört wurde, müssen die Häfen Stralsund und Saßnitz einspringen. Das Schöne an einem Albtraum ist, dass man nach dem Aufwachen erleichtert feststellt, es war alles nur ein Traum. Gott sei Dank haben wir (noch) keinen Krieg. Aber in der Presse wurde kürzlich genau das Szenario meines Albtraumes beschrieben und über einen geheimen Operationsplan für MV berichtet, nach dem unser Land „kriegstüchtig“ gemacht werden soll. An der Küste Mecklenburg- Vorpommerns leben sehr viele Menschen vom Tourismus. Die interessiert natürlich brennend, ob die gewaltigen Transporte von Soldaten und Kriegsmaterial vor oder nach der Saison stattfinden sollen. Besser wäre gleich nach der Saison, dann wäre der Krieg vor Beginn der nächsten Saison ja bestimmt schon zu Ende…….Jeder Soldat weiß, unterschätze niemals einen Feind! Viele Menschen bei uns haben sich wahrscheinlich schon an die ständigen Berichte in den Medien über den nächsten „angeblich“ unvermeidlichen Krieg gewöhnt und nehmen sie womöglich gar nicht mehr ernst. Hoffentlich ist das kein Fehler! Ronald Reagen, der ehemalige Präsident der USA, hat einmal gesagt: „ Es gibt nur einen sicheren Weg zum Frieden: die Kapitulation“. Ist diese hochgefährliche Aussage jetzt die Richtlinie für unser Handeln? Haben unsere Politiker nie mit ihren Großeltern über den letzten Krieg gesprochen? Wie lange haben wir überhaupt noch die Chance, Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges zu befragen, die vielleicht noch den brennenden Himmel über Dresden oder Hamburg gesehen haben? Mit der Mutter meiner Mutter konnte ich nie über den Krieg reden. Sie war Gärtnerin auf einem Friedhof in Halle und beim Herannahen von englischen Bombern suchten alle Frauen Schutz in einem Bunker, der bald völlig überfüllt war. Ein junges Mädchen stand weinend vor dem Bunker, aber der Luftschutzwart ließ sie nicht mehr rein. Die Frauen schlugen ihm vor, dass sich das Mädchen vor ihre Füße auf den Fußboden legen könnte. Den Volltreffer einer englischen Fliegerbombe auf den Bunker überlebte nur das Mädchen. Die Mutter meines Vaters lebte auf ihrem Bauernhof in Hinterpommern, der außerhalb vom Dorf lag. Schon von weitem sah sie den Briefträger, der auf dem Fahrrad ihren Hof ansteuerte. Furchtbare Angst schnürte ihr die Kehle zu. „Nicht mein Gerhard“ sagte sie in schlimmer Vorahnung bittend zu dem Briefträger, als sie sein mitleidvolles Gesicht sah. Ihr jüngerer Sohn war Fallschirmjäger an der Ostfront, er fiel im ersten Kampfeinsatz. Mein Onkel Gerhard war ein lebenslustiger und gut aussehender junger Mann, er wurde nur 21 Jahre alt. Der ältere Sohn meiner Oma, mein Vater, kämpfte auch in Russland. Damals gab es wohl einen Befehl, dass der letzte überlebende Sohn eines Bauernhofes aus der vordersten Frontlinie zurückgezogen werden sollte. Für die Jungbauern aus Ostpreußen, Hinterpommern und Schlesien hätte man diesen Befehl aussetzen können – der Grund dafür lag damals außerhalb der Vorstellungskraft der Menschen. Mein Vater packte gerade seine Sachen, als die Russen angriffen. Ein Granatsplitter riss ihm die linke Hand ab. Die Schwester meiner Oma lebte auf dem Nachbarhof. Ein Russe schoss ihr in den Kopf, als sie ihre beiden Töchter beschützen wollte. Später brachten die Mädchen ihre schwerverletzte Mutter mit dem Pferdewagen in die nächste Stadt zum Arzt. Der rettete ihr Leben, nur für ein Auge konnte er nichts mehr tun. Die beiden Mädchen waren bis an ihr Lebensende schwer traumatisiert. Die Schwester meines Vaters war jung verheiratet. Die Beiden liebten sich so sehr, dass meine Tante immer Angst hatte, dass plötzlich alles vorbei sein könnte. Dann bekam sie keine Post mehr von ihrem Mann von der Front, er galt er als vermisst. Erst im letzten Jahr fand unsere Familie über das Internet heraus, das er auf einem Soldatenfriedhof bei Kolberg begraben wurde. Er war in den letzten Kriegstagen gefallen. In jedem Krieg wiederholen sich diese Schicksale tausendfach und wenn der Krieg groß genug ist und lange genug dauert, auch millionenfach. Aber wieso ist eigentlich ein Krieg mit Russland angeblich unvermeidbar, wo doch die Nato über ein Mehrfaches der militärischen Stärke Russlands verfügt? Putin ist nicht dumm und nicht lebensmüde. Er weiß, dass es sein und Russlands Untergang ist, wenn er die Nato angreift. Übrigens besitzt Russland 6.000 Atomsprengköpfe. Glaubt wirklich jemand, dass Putin nach einem verlorenen Krieg mit konventionellen Waffen die Kapitulation unterschreibt und nicht vorher seine Atomwaffen einsetzt? Wie will Deutschland eigentlich einen Krieg und den Wiederaufbau des Landes finanzieren? Schon jetzt haben wir Riesenprobleme mit der Finanzierung der Rente und der Altenpflege, der Ertüchtigung der Bundeswehr, der Sanierung und Erneuerung von Brücken, Straßen, Schulen, Krankenhäusern usw.. Wieviel Kredite wollen wir noch aufnehmen? Der Ministerpräsident von Sachsen – Anhalt, Reiner Haseloff, hat es auf den Punkt gebracht als er sagte: „Wir sind im Prinzip pleite“. Jeder, der in der Schule im Fach Geschichte aufgepasst hat oder mit seinen Großeltern gesprochen hat, weiß, woher das Geld für Krieg und Wiederaufbau kommen kann. Die Deutschen sind sehr sparsam, jedenfalls die Meisten, und haben über 10 Billionen Euro auf ihren Sparkonten. Es ist völlig legitim, wenn der Staat diese Spareinlagen zur Verteidigung und zum Wiederaufbau des Vaterlandes einsetzt. Im letzten Jahrhundert gab es zwei furchtbare Weltkriege. Zumindest die Menschen in Ostdeutschland waren davon überzeugt, dass es in Deutschland nie wieder einen Krieg geben wird, weil wir aus der Geschichte gelernt haben. Und doch ist die Gefahr eines erneuten Kriegsausbruches nie größer gewesen als jetzt. Das Kriegsgeschrei in den Medien, die fehlende Bereitschaft der meisten Politiker, Diplomatie als Waffe eizusetzen und die massive Aufrüstung machen vielen Menschen Angst.
Rainer Schmidt, Zingst, 05.01.2026