Leserbriefe lesen

Eine Feier der Freiheit

Leserbrief "Schämen Sie sich nicht?", Wismarer BLITZ vom 4. Oktober. Zum Bericht über die Dragshow in der Dorfkirche Carlow ist im Blitz vom 04.10.2026 ein Leserbrief erschienen, der der Pastorin die Frage stellt, ob sie sich nicht schäme. Warum die Blitz-Redaktion nun ausgerechnet diese Meinung abdruckt und ihr Reichweite gibt, kann ich nicht beurteilen, wäre aber mal ein Diskussionspunkt für die nächste Redaktionssitzung. Ansonsten möchte ich auf die o.g. Frage gerne so eingehen: Nein, Frau Pastorin, Sie brauchen sich nicht zu schämen. Sie dürfen sich im Gegenteil freuen, dass Ihre Kirche genau das tut, was Botschaft des Evangeliums ist – nämlich alle Menschen willkommen zu heißen und sie anzuhören, ihnen Raum zu geben. Der Vorwurf der Blasphemie, also Gotteslästerung, ist so originell wie die katholische Kirche im Mittelalter und dient als Kampfbegriff allein dazu, Menschen auszugrenzen und abzuwerten. Eine Show, die unter dem Motto Vielfalt, Toleranz und Begegnung steht, verspottet weder Glauben noch Kirche. Die Kirchengemeinde tut im Übrigen nichts Ungewöhnliches. „Dorfkirche mon Amour" ist ein etabliertes Kulturformat der Nordkirche. Kirchengebäude, die ansonsten leer stünden, werden mit Leben gefüllt und bereichern die Kultur in Dörfern und Gemeinden. Die meisten dieser Veranstaltungen haben vermutlich nie einen Leserbrief hervorgerufen. Aber diese hier ist „queer". Der Verfasser des Leserbriefs schreibt aus Grevesmühlen, 30 Kilometer von Carlow entfernt. Veranstaltungsort ist ein Dorf, in dem er nachweislich nicht wohnt; niemand zwingt ihn hinzugehen. Sein Leben bleibt durch die Show in jeder Hinsicht unberührt. Was ihn stört, ist offenbar nicht, dass ihm etwas genommen würde, sondern dass andere Menschen sichtbar werden. Dass der Organisator der Veranstaltung seiner Heimat ausgerechnet am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, eine Feier der Freiheit und Offenheit mitbringt, ist kein Skandal, sondern ein Geschenk. Und der Leserbrief aus Grevesmühlen zeigt in aller Deutlichkeit, warum diese Veranstaltung nötig ist, aber auch warum es für so ein Event viel Mut braucht. Ich danke der Pastorin und allen Beteiligten und hoffe es war ein rauschender Abend.

Hannes Bergmann, Wismar, 04.10.2026

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