Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Zweck heiligt die Mittel?

14.06.2016, Hartwig Wischendorf, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Oh Gott, schon wieder ein Aufklärungswort"
im Schweriner Blitz vom 14.06.2016

Zu »Oh Gott, schon wieder ein Aufklärungswort«, Blitz vom 12. Juni, Seite 2.

Nun möchte Herr Dr. Wirth, einfürallemal geklärt haben, dass die Diktatur des Proletariats gar keine Diktatur war, jedenfalls nicht im Sinne der bürgerlichen Politikwissenschaften, in denen er sich offenbar auskennt. Sie sei »eine diametral entgegengesetzte Wesensform«. Beweis des Beweises: Die europäischen Sozialisten und Kommunisten hätten ja selbst mitgeteilt, was sie wollten und warum sie es wollten. Man kann auch sagen, der Zweck heiligt die Mittel. Schließlich erspart uns der Leserbriefschreiber die aufwändige Suche in Lenins gesammelten Werken, die ja zur Grundausstattung einer Hausbibliothek gehören sollten, und liefert für alle, die es noch nicht wussten oder die es inzwischen wieder vergessen haben sollten, die Grundthese vom Klassenbündnis zwischen der Arbeiterklasse und den anderen Schichten der Werktätigen, das sich den Feinden des gesellschaftlichen Fortschritts entgegenzustellen hätte. Soweit die Theorie. In der DDR wurde diese Theorie zuletzt von einem Dachdecker und einer Telefonistin in die Praxis umgesetzt. In der Verfassung der DDR wird die Diktatur des Proletariats über Artikel 1 als Führungsanspruch der »Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei« formuliert. Ob nun Diktatur oder nicht, das Experiment endete bekanntlich in einer Katastrophe. Der real existierende Sozialismus hat den Praxistest ganz offensichtlich nicht bestanden. Daran können auch feinsinnige Erläuterungen zur Diktatur des Proletariats nichts ändern.

Hartwig Wischendorf, Schwerin

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