Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Zum Israel-Wort

23.04.2012, Prof. Dr. Gregor Putensen

Der Holocaust und Auschwitz sind historische Brandmale für alle Deutschen. Trotz einer juristisch nicht einklagbaren Kollektiv-schuld besteht für jeden Angehörigen der deutschen Postfaschis-mus-Generationen eine moralische Verpflichtung, das Existenz-recht des Staates Israels rückhaltlos zu unterstützen. Heißt das aber, das sich jegliches kritische Urteil an der Politik seiner Verantwortungs- träger verbietet ? Weil jeder ihrer Kritiker Gefahr läuft, a priori, sofort und pauschal zu einem niedrigen und hass-erfüllten Provokateur des Antisemitismus abgestempelt zu werden? So jedenfalls der Bild vom unsäglich miesen Verhalten gegenüber Günther Grass, wie der Mainstream der Massenmedien und der meisten ihrer mächtigen Einflüsterer aus der politischen Elite uns bedrückend vor Augen führen. Das erstaunliche Wahr-nehmungsdefizit der politischen Klasse der Bundesrepublik in Hinblick auf die atomare Pokersituation im Nahen Osten (ein-schließlich des vom Westen ohne ernste Einwände tolerierten, aber vom Nichtweiterverbreitungsvertrag unerfassten Kernwaffenpotenzials Israels) manifestiert den offenkundigen Unwillen zu unbe-dingter Differenzierung in den internationalen Beziehungen. Dieser Umstand erleichtert den kaum den Menschenrechten verpflich-teten Scharfmachern im Iran, ihr Atomprogramm mit steigender militärischer Rechtfertigung voran zu treiben. Die begreifliche Unruhe hierüber hat Günter Grass zu seinem Wort (wenn auch in Gedichtsform) umgetrieben. Diesen Schwall an Verachtung, Hohn und absichtsvoller Diskreditierung hat er weder als Mensch noch als Schriftsteller verdient.

 

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.