Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Zoostadt Rostock

15.11.2010, Reinhard Wolff

Eine großartige Idee nimmt Gestalt an. Sein Tarnname: »Darwineum«, ein Superlativ.

Anzunehmen ist, dass der größte Teil der Rostocker Bevölkerung dieses inzwischen weit mehr als 25 Millionen Euro teure Projekt unterschreiben würde. Die Bürgerschaft hat durch ihren Bauausschuss bereits Zustimmung signalisiert. Hilft es doch, Wissensspaß zu animieren und ganz nebenbei Wissenslücken zu schließen zur immer noch weltweit hoch emotional heftig umstrittenen Evolutionstheorie.

Am 30. August dieses Jahres durchwälzte ein Bagger mit seinen schweren Panzerketten die Wege des Barnstorfer Waldes in Richtung Tannenweg. An schwierigen Passagen wurden Bäume, Sträucher niedergewalzt und Spaziergängerwege aufgewühlt. Derzeit durchschneidet ein im Bau befindlicher ca. 2.000 m langer endgültiger Zaun den innerstädtischen Wald. Innerhalb dieses riesigen Areals kann dann nach einer gigantischen Baumfällaktion das Ausbetonieren der vorgesehenen Waldflächen beginnen.

Hier wird ein Szenario durch die Bürgerschaft vorgeführt, das wieder einmal Zweifel an ihrer fachlichen Kompetenz nährt, Auftragspartner der Rostocker Bevölkerung zu sein. Unter brutaler Verletzung des Grundprinzips, Grünflächen, Naherholungsflächen, Waldflächen ... einer Großcity zu schützen, großzügig zu pflegen, wenn möglich, sogar neu zu erschließen oder zu erweitern, wird konträr handelnd ein wertvolles Stück »Rostocker Lunge« durch Betonieren und Verzäunen zerstört. Ein inzwischen einmaliger Vorgang in Deutschland, aber auch EU-weit. Es existieren genügend geeignete Flächen im hanseatischen Besitz, um dieses überaus kostspielige überzogene Vorhaben an anderer Stelle vorzeige-repräsentativ zu errichten.

Der Rostocker Zoo, durch seine kassenklamme Hansestadt immer schwieriger zu händeln, braucht auch nicht nur um einen einzigen Quadratmillimeter vergrößert zu werden. Innerhalb seiner derzeitigen großzügigen Flächen ist durch kluges Management jede Veränderung realisierbar, auch und gerade nach den vorgegebenen EU-Richtlinien zoogerechter Tierhaltung. Genau in diesem Stück Barns­torfer Wald spielt sich volksnah kerniges Rostocker Leben ab: Seit jeher absolvieren hier die Hansa-Kicker ihre Auslaufübungen, finden Laufwettbewerbe mit Hunderten von Teilnehmern statt, begegnen sich täglich Spaziergänger – vom Hundebesitzer bis zum Rollstuhlfahrer, vom Läufer bis zum Walker, sogar die Rostocker Europameisterin im Marathonlauf zog hier jahrelang ihre Bahnen ...

Fassungslos begegnet man dieser ideenarmen Bürgerschaft, die hinreichend immer mehr kritisch als nur minimal zustimmend beurteilt werden kann, die jahrelang durch Missmanagement kräftezehrend eine schwere Schuldenwalze vor sich her treibt, in Rundumverteidigung eine permanent drohende Zwangsverwaltung abwehrt und nur noch sensilibierungsresis­tent agiert. Das Schweriner Innenministerium ist gewarnt und kann seinen Zwangsverwalter in Bereitschaft halten, denn die Rosto­cker Bürgerschaft organisiert wieder einen neuen schweren Schuldenberg! Um das Vorhaben »Darwineum« in Rostock an richtiger Stelle zu positionieren, fallen ganz offensichtlich die Parteien SPD und CDU aus. Wo bleiben die Grünen, die Linken, SAV, FDP, Rostocker Bund ...? Benötigen wir Unterstützung von den »Stuttgarter 21ern« oder eine juristisch einstweilige Verfügung, um die Affenhäuser an anderer Stelle zu errichten, um den innerstädtischen Wald ein für alle mal als ausgewiesene Betonfläche für Unbelehrbare unantastbar zu machen?

 

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