Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Wohnungslos? Obdachlos?

10.12.2010, Hans Bremerkamp

Mit der Sprache drücken wir aus, was wir meinen, ohne Umschweife, direkt und eindeutig. Klare Begriffe braucht man nicht noch mit umschreibenden Worten zu erklären. Wie will man sonst kleinen Kindern die Welt erklären?

Haus ist Haus und Mutter und Vater sind eben die Eltern, da gibt es keine Probleme. Was aber ist ein Obdachloser? Offenbar ein »durch das soziale Netz Gefallener«, ein bedauernswerter Mensch. Wer möchte schon in eine derartige Lage geraten? Ihre Zahl ist groß in unserem reichen Land, es sind etwa 20.000. Es mag ja sein, dass einige von ihnen selbst die Ursachen heraufbeschworen haben, die sie in eine solche Lage brachten. Und dennoch dürfte der Sozialstaat sie nicht im Stich lassen.

Um aber die schlimme Misere etwas abzumildern, reicht es mitunter, einen anderen Begriff zu wählen. Ein »Wohnungsloser« ist vielleicht nur einer, der eben gerade keine Wohnung hat und eine sucht, kann ja vorkommen, ist kein soziales Problem, übermorgen wohnt er wieder. Ein »Obdachloser« dagegen ist einer, der auf der Strecke geblieben ist, sein Leben nicht in den Griff bekommen hat, von der untersten Stufe der sozialen Leiter gestürzt ist. Und mancher von ihnen verliert noch nicht einmal seinen Optimismus und die Hoffnung, wieder wenigstens auf die unterste Stufe der Leiter klettern zu können. Dieser ist geradezu zu bewundern.

Worauf will ich mit dieser Beschreibung hinaus? Ich habe den Eindruck, dass der deutsche Beamtenstaat wieder mal mit einem simplen Begriffwechsel vom »Obdachlosen« zum »Wohnungslosen« der Welt weismachen will, dass es hier nicht um ein gravierendes gesellschaftlich-soziales Problem, sondern nur um eine formal-statis­tische Angelegenheit handelt. Auf diese Art und Weise kann man grundlegende Probleme zu Peanuts herunterspielen. Dann klingt manches nicht mehr so hart und kritikwürdig.

 

 

 

 

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