Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Wer entscheidet das? ...

01.10.2019, Haiko Hoffmann, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Nur der verdient sich Freiheit..."
im Schweriner Blitz vom 29.09.2019

Lieber Herr Fehrmann! Ihre Meinung, dass die jungen Syrer im Grunde alles feige Fahnenflüchtige sind, ist verbreitet. Nicht wenige meinen, dass sie statt dessen in den Kampf ziehen sollen statt uns hier auf der Tasche zu liegen. Doch ich frage Sie und jeden, der so argumentiert, ob Sie eine Vorstellung von den Vorgängen z.B. in Syrien haben. Können Sie ermessen, was selbst Kinder erleben müssen? Sind Sie befugt, über Leute den Stab zu brechen, die Sie nicht einmal kennen? Kennen Sie die Umstände, welche jemandem zur Flucht brachte? Können Sie beurteilen, was jemand über seine geschundene Heimat denkt und fühlt? Ich würde mir niemals anmaßen, das zu tun.

Ich kenne einige solcher jungen Leute. Einer von ihnen hatte in Raqa gelebt, als IS einmarschiert ist. Er und seine Familie konnten nicht alle weg, vor allem nicht die Alten. Man hat dann beschlossen, den Sohn und Enkel und Urenkel fortzuschicken, dass wenigstens einer sich retten kann. Warum ihn? Da er der einzige war, der potentiell nachts unter extremer Lebensgefahr durchkommen konnte. Da die Familie verhindern wollte, dass er entweder dem IS, einer anderen Radikalengruppe oder Assads Armee als Kanonenfutter dienen sollte. Nach Monaten Ungewissheit, ob er das überlebt, war er hier gelandet – und machte und macht sich große Sorgen um seine Familie. Er vermisst sie schrecklich. …

Gehen Sie zu ihm und sagen Sie ihm ins Gesicht, dass er keinen Anspruch auf Freiheit hat, keinen Anspruch hat, hier in Sicherheit zu leben! Sagen Sie ihm ins Gesicht, dass er hier nichts zu suchen hat und wieder nach Syrien gehen solle, um zu kämpfen, was Ihnen ja so leicht über die Lippen geht! Sagen Sie ihm das ins Gesicht! …

Dann wird er gewiss niemandem mehr auf der Tasche liegen. …

Und: Religion hat zwar ihre Rolle in dieser Region – aber nicht als Motor sondern als Schmiermittel der Machtgierigen aller Couleur. Sie ist nur Mittel zum Zweck. Und ganz sicher nicht nur dort. Das war schon immer so und überall. Und das kann niemand leugnen.

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