Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Warum sind wir so stolz auf uns?

20.12.2017, Uwe-M. Troppenz, Parchim
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Form des Anstandes?"
im Schweriner Blitz vom 17.12.2017

Es war mir eine Freude, Herr Kurzmann, zu einem heiß umstrittenen Thema einen so moderaten Text wie Ihren zu lesen. Da pflegen wir eine gute demokratische Gesprächskultur... Wissen Sie, mir war es nur wichtig, den Sinn des genannten muslimischen Verhaltens zu erklären: Es geht eben nicht um eine Herabwürdigung der Frau, sondern um die Wahrung von Anstand und Respekt. Ein Kopftuch und das Vermeiden von Händeschütteln zwischen Mann und Frau sind übrigens keine religiöse Pflicht, sondern ein Brauch, der sich aus dem Sinn der religiösen Texte ergibt. Insofern und überhaupt braucht der Islam keinen »Reformator« – den braucht eher unsere Gesellschaft. Warum sind wir eigentlich so stolz auf diese Gesellschaft, dass wir unbedingte Anpassung verlangen? Ist es nicht so, dass der Alkoholismus ein großes Problem geworden ist? Dass Kinder und Jugendliche sich gern ins Koma trinken? Dass die Sauforgien des Münchener Oktoberfestes zu unseren wundervollen Traditionen gehören? Dass die Parkbänke nicht von Familien, sondern von Trinkern bevölkert sind? Dass der Alkoholismus zu zerrütteten Familien und vernichteten Existenzen führt? Ist es nicht so, dass die Rauschgiftsucht (ein treffenderes Wort als der verharmlosende Begriff »Drogen«) immer mehr um sich greift und nicht nur zu jeder Disko, jedem Club gehört? Dass man des Rauschgifthandels einfach nicht Herr wird? Ist es nicht so, dass die sexuelle Freizügigkeit dazu geführt hat, dass es selbstverständlich ist, alles gleich nach der eintretenden Pubertät auszuprobieren? Dass zahlreiche uneheliche Kinder entstehen (weil meist doch kein Schutz stattfindet), von Kindern geboren und überforderte Alleinerziehende übrigbleiben? Von Aids gar nicht zu reden... Dass jede zweite Ehe geschieden wird, oft wegen Fremdgehens? Dass daraus Scheidungswaisen entstehen? Ist es nicht so, dass Hemmungslosigkeit und Verantwortungslosigkeit unsere Gesellschaft prägen nach dem Motto: »Ich lebe nur einmal, und das Leben ist kurz, also tue ich, was mir Spaß macht - was gehen mich die anderen an?« Dass die Ellenbogengesellschaft an Gewinnmaximierung denkt und kein soziales Gewissen hat? Sollen sich Muslime dieser desolaten Gesellschaft anpassen? Wirklich? Oder können die rund 4,5 Muslime in Deutschland, darunter 1,8 Millionen deutsche Staatsangehörige, nicht vielleicht eine Bereicherung sein auf dem Weg einer Wertfindung?

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