Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Vom Umgang mit dem Erbe

16.04.2015, Anonym (Name dem Verlag bekannt)

Nach dem Bürgerschaftsbeschluss vom 13. April müsste man sich eigentlich freuen. Denn er ist erfreulich. Das Vier-Sparten-Haus ist damit aber noch nicht gerettet. Und es bleibt die bange Frage, werden zu den Vorstellungen nun mehr Rostocker kommen als zu den Demos?

In diesem Zusammenhang denke ich an einen Satz, den

OB Roland Methling am 1. April in einem Interview mit DRadio Kultur gesagt hat: „Von Kulturabbau kann keine Rede sein.“ Wenn das viele so sehen, dann haben wir ein Problem, das Problem nämlich, das viele schon nicht mehr mitbekommen, in welchem Maße kulturelles Erbe dieser Stadt in den letzten 25 Jahren über Bord gegangen ist.

Schauen wir zunächst auf das Volkstheater. Da haben die zwölf Intendanten (und das Publikum) nicht nur einen Mitarbeiterschwund von ca. 600 auf unter 300 Beschäftigte miterlebt, sondern auch eine Ausdünnung des Angebots.

Das Dauer-Theater bedeutete Planungsunsicherheit und Dauerstress für die Belegschaft. Die Intendanten mussten sich seit Anfang der 90er Jahre vor allem mit Themen wie Spartenreduzierung, Kostensenkung, Kooperation und mit baulichen Mängeln am Großen Haus herumschlagen. Wo blieben da noch Zeit und Kraft für die eigentlichen Theateraufgaben?

Fast alle Intendanten zerrten an den Ketten, brachten Ideen ein, wie das Theater unter den finanziellen Zwängen leistungsfähig gehalten werden kann. Es war nicht immer vergebens.

Ich erinnere nur an die Schauspieldirektorin Johanna Schall. Die OZ schrieb am 4. Juli 2007: "Sie brachte das Rostocker Schauspiel wieder ins Gespräch, weckte die Kreativität der älteren Mimen neu, verjüngte das Ensemble und führte das Ganze in lebendigem und sehr lebhaftem Geist zusammen.“

Mitte der 90er Jahre übernahm Intendant Straube das Theater. Er plädierte damals für eine Eigenbetrieb-Umwandlung. Das Volkstheater sollte mit dem Geld eigenverantwortlich wirtschaften können. Das hatte bereits Vorgänger Petersen gefordert. Sein Vorschlag war wiederholt wegen „haushaltrechtlicher Bedenken“ abgelehnt worden. Straube musste nach Vorwürfen gehen. Danach leitete eine „Doppelspitze“ auf Beschluss des Hauptausschusses das Theater.

Am 11.9 September 1995 warnten die sechs Theaterchefs des Landes nach ihrem Treffen in Güstrow, dass sich die Situation an den MV-Bühnen weiter zuspitze. Die Kommunen seien nicht mehr in der Lage, die Tariferhöhungen zu tragen. 1996 gab es die gleichen Mittel wie 1995. Sie verwiesen auf den Koalitionsvertrag von SPD/CDU, die einen Erhalt und Ausbau der 4-Standorte-Struktur in Aussicht gestellt hatten. Immer wieder wurde der Brotkorb höher gehängt.

Anfang 1997 schrieb Volkstheater-Dramaturg Koß im „Souffleurkasten“ treffend: „Es stabilisiert sich der instabile Zustand.“

Im Oktober 2007 beschloss die Bürgerschaft mit den Stimmen von CDU, SPD und Bündnis 90 die Gründung einer GmbH. Kritiker monierten, ohne Vorbereitung und Konzept.

„Peinlich!“, „Schande“, „Unwürdig!“ – so lauten Urteile der OZ-Leser zum Theater-Streit. Anfang 2007 will Methling dem Intendanten des Volkstheaters, Steffen Piontek, dessen Vertrag kurz zuvor verlängert wurde, kündigen. Nach mehrwöchigem Tauziehen zieht er die Entlassung abrupt zurück, als er merkt, dass die Bürgerschaft mal wieder nicht hinter ihm steht. Abenteuerlich wird es, als der OB die Intendanz kommissarisch übernehmen will – als Nebenjob. Piontek bleibt, das Theater hat Schaden genommen.“ Heißt es in einem OZ-Beitrag vom 5. September 2007.

Das Jahr 2011 geht wahrscheinlich mit einem Ereignis anderer Art in die Geschichte des Volkstheaters ein. Das Große Haus wurde abrupt geschlossen. Wegen „erheblicher Mängel beim Brandschutz“. Es fehlten Fluchtwege, hieß es im Rathaus. Erstaunlicherweise überlebte das Theater auch diesen Schnitt.

2011 kamen dann auch die Vorschläge des Landesrechnungshofes zur Fusion mit Schwerin auf den Tisch. Intendant Leonard war nicht begeistert und die meisten Fraktionen der Bürgerschaft auch nicht. Leonard fragte sich, wer denn dann Silvester entscheide, wo Beethovens Neunte gespielt wird.

Nun ja, Konkurrenz zwischen Rostock und Schwerin belebt seit ewig das Geschäft. Wozu führt aber eine Fusion der Theater? Sicherlich zu einem Streit mal ganz anderer Art.

Mitte 2011 erbat Intendant Leonard wieder mehr Geld von der Stadt. Zwei Millionen etwa. OB Methling mahnte seinerseits einen radikalen Sparkurs an. Er trat dafür ein, die Norddeutsche Philharmonie von 88 auf 60 Musiker zu schrumpfen. Weiterhin forderte er laut OZ einen Haustarifvertrag, um die Kosten zu senken. Außerdem hieß es, dass der OB nicht mehr mitspielen wolle. Mitspielen als Standort-Förderer oder als Bösewicht? Er wurde mit dem Satz zitiert: „Wir können uns das Theater so nicht mehr leisten.“ Und das sagte er ja nun am 11. April im OZ-Interview erneut. „Ich habe nie die Beibehaltung eines Vier-Sparten-Hauses in der jetzigen Form versprochen.“

Man darf sich nichts vormachen, das Theater ist kein „Lebensmittel“ für alle Rostocker. Eine Telefonumfrage der Universität besagte im Jahre 2000, dass für 70 Prozent der Hansestädter die Theatermisere kein Thema sei. Nur 50 Prozent hielten einen Theaterneubau für wichtig.

Mehr Theaterbesucher, das wäre schön. Aber wie viele Rostocker nutzen denn jährlich die Neptun-Schwimmhalle? Wie viele gehen in den Zoo? Ins Hansa-Stadion drängeln sich auch nicht alle. Vielen ist Fußball völlig egal ... Trotzdem fließen Zuschüsse. Und das ist auch gut so, um die Vielfalt der Interessen zu fördern. Dazu gehört auch die Unterstützung der Freien Träger.

Mehr Theaterbesucher zu erreichen ist vielleicht in einer Beamtenstadt wie Schwerin eher möglich als in einer mehr industriell geprägten Stadt wie Rostock. Die allerdings auch Universitätsstadt ist!

1996 meinte Intendant Straube, wenn man die Theater nur nach Besuchern bewerten würde, hätten wir bald überall Musicalhäuser.

Das Volkstheater findet nach meinen Beobachtungen bei den jüngeren Semestern relativ geringe Resonanz. Unter Intendant Latchinian bahnte sich nun ein Zuwachs an. Wenn die Älteren nicht wären! Aber die bleiben naturbedingt irgendwann aus. Das Theaterproblem erledigt sich jedenfalls von selbst, wenn die Jüngeren nicht nachrücken.

Man darf bei all dem nicht übersehen, dass das Theater seit längerem generell in der Krise ist und eine öffentliche Diskussion darüber überfällig. Gerade erlebten wir, dass jemand neue Wege suchte.

Tatsache ist, dass die "kulturellen" Verflachungsbestrebungen von Kohl und Kirch im Filmgeschäft genauso Auswirkungen auf das kulturelle Klima hatten wie die Entwicklung von Fernsehen und Internet.

So schlimm wie vom Schweriner Theaterchef Kümmritz im Jahr 2000 prognostiziert, kam es glücklicherweise für die Theater (noch) nicht. Er fürchtete damals, dass in zehn Jahren östlich der Elbe nur noch in Berlin, Leipzig und Dresden eigenständiges Theater möglich sei. Nicht nur durch die Finanznot allüberall.

Abbau zeigt sich leider nicht nur beim Theater. Wobei es auch Lichtblicke gibt wie bei den Musikschulen und beim Kulturhistorischen Museum. Erfreulich ist auch, dass sich die Compagnie de Comédie über die Jahre so gut gehalten hat!

Wer weiß aber noch, wo einst das Kulturhaus der Neptunwerft stand? Heute lädt dort eine Tankstelle zum Nachfüllen ein. Sprit statt Kultur. Ist das symbolhaft? Das Kulturhaus des ehemaligen Fischkombinates, der Fred-Wehrenberg-Saal, wandelte sich zu einem An- und Verkauf. Symbolhaft? Der Buchbasar, einst ein Rostocker Glanzstück und DDR-weit Ausweis eines großen Literaturinteresses, schaffte nach 1990 keinen Neustart. Die über die Grenzen bekannte Kunsthalle wurde glücklicherweise nach langen Querelen durch mutige Kunstfreunde gerettet und hat – wie die Laien-Ausstellungen zeigen – ein solides Hinterfeld. Galerien kamen und gingen. Tapfer gehalten haben sich u.a. die des Kunstvereins sowie die Möller- und die Fuhrmann-Galerie. Der jährliche Musikantentreff Ostsee – Geschichte. Die „Stubnitz“ suchte enttäuscht das Weite.

Der maritime Museumsbereich ist – trotz Hanse-Sail - für eine See- und Hafenstadt unterbelichtet.

Noch gibt es Buchlesungen, die Anklang finden. In den 90er Jahren waren die Angebote in der „Buchhandlung im Fünfgiebelhaus“, in der „anderen Buchhandlung“, bei „Weiland“ , in der Stadtbibliothek oder im „Literaturhaus Kuhtor“ Ereignisse.

Kunst im öffentlichen Raum, das war und ist eigentlich noch etwas, womit Rostock punkten kann. Man denke da auch an die künstlerische Gestaltung von Hausdurchgängen in den Neubaugebieten. Heute dominieren Graffiti-Schmierereien. Waren nach der Wende noch geistvolle Sprüche darunter, kommt einem nun kaum noch Sinnhaftes unter die Augen.

Wo Kultur bröckelt, wächst Unkultur. Und wer sich keinen Spiegel mehr leisten kann oder will, der braucht sich über sein Aussehen nicht zu wundern ...

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.