Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Ungerecht

30.11.2018, Brigitte Schneider, Warnemünde

Besonders in der Vorweihnachtszeit finden wir in unseren Briefkästen häufiger als sonst Briefe mit Bitten um Spenden für wirklich ganz wichtige Anliegen.Beigefügt sind oftmals kleine Geschenke, die einem ein schlechtes Gewissen machen, wenn man sie annimmt und das nicht mit einem Geldbetrag honoriert. Ich habe bis heute elf Anfragen erhalten von unterschiedlichen Institutionen, Vereinen und Verbänden. Einige davon haben von mir auch in der Vergangenheit einen kleinen Betrag erhalten und somit wiederholen sich die Nachfragen kontinuierlich. Jeder Bittbrief hat seine Berechtigung und jeder wirkt sehr emotional. Da engagieren sich insbesondere Menschen ehrenamtlich für humanistische Anliegen, um Not, Krankheit, Hunger und soziales Elend in der ganzen Welt etwas zu lindern, obwohl andererseits so viel Reichtum vorhanden ist, der besser verteilt, fast alle Probleme dieser Erde bewältigen könnte. Ich habe sehr große Achtung vor den Aktivisten, die sich uneigennützig dafür einsetzen, dass denen geholfen wird, die es selbst nicht können. Wütend bin ich aber darüber, wenn immer über das starke und reiche Deutschland, insbesondere durch Politiker stolz geredet und geschrieben wird, aber elementare Voraussetzungen für ein gutes und sicheres Leben aller Mitmenschen nicht gegeben ist. Warum muss z. B. ein Verband für Rettungshunde um Spenden bitten? Ist das nicht die verdammte Pflicht des Staates dafür zu sorgen, dass seine Bürger geschützt und Verbrechen schnell aufgeklärt werden? Ich habe im vergangenen Jahr erlebt und gesehen, wie aufopferungs- und liebevoll die ehrenamtlichen Helfer des Hospizes in Rostock die Sterbenden betreut haben.Ohne sie wäre das Leid und die Verzweiflung der Patienten und deren Angehörige noch viel schwerer zu ertragen. Warum liegt das nicht in moralischer und finanzieller Verantwortung des Staates, dafür Sorge zu tragen, damit ein Hospiz nicht um Spenden bitten muss? Die Ursachen für die meisten Kriege in der Welt sind mehr Macht und mehr Reichtum derer, die schon reich und mächtig sind. Die entstehenden menschlichen und materiellen Schäden versuchen Idealisten durch Spenden zu lindern. Gleichzeitig verdienen die Produzenten und Exporteure der totbringenden Waffen viele Milliarden Euro. Immer wenn ich einen »Bettelbrief« lese, gehen mir diese und ähnlich Gedanken über die Ungerechtigkeiten der Welt und in unserem Land durch den Kopf. Oder bin ich tatsächlich nur neidisch, wenn mich die Information in meiner Tageszeitung aufregt, dass Helene Fischer 28 Millionen Euro im Jahr verdient? Andererseits verdient ein Krankenpfleger, ein Eisenbahner oder eine Kindergärtnerin vielleicht ca. 25.000 Euro im Jahr. Man sollte das Wort »verdienen« wohl besser nicht im Zusammenhang mit dem Einkommen durch Arbeit für den Lebensunterhalt benutzen, denn es verdient mancher mehr als er bekommt. Ich werde trotzdem dem einen oder anderen Bittsteller eine Spende überweisen, weil dadurch vielleicht geholfen werden kann, die Welt ein wenig besser zu machen.

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