Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Tragisch aber wahr!

05.03.2019, Hartwig Niemann, Rostock

Die Hinterlassenschaften der Honecker-Regierung und des Politbüros der SED sind bis heute erschreckend. Was aber noch erschreckender wirkt ist die Raffgier des Kapitals. Nach nunmehr 30 Jahren haben wir immer noch nicht zueinander gefunden. Wie wird das enden? Ich sehe im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Parteiengesülze, egal welche Partei das ist, keinen Lichtblick, dass sich über kurz oder lang etwas ändern wird. Es gibt für mich keine einzige Partei mehr, die meine Zuneigung gewinnen würde.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als unsere Städte in Schutt und Asche lagen, wusste man noch worauf es ankommt. Wiederaufbau! Mein Vertrauen zu den damaligen Persönlichkeiten, die in der DDR das Sagen hatten, hielt sich keineswegs in Grenzen, weil viele von ihnen, die im Konzentrationslager gesessen haben, politische Verantwortung übernehmen konnten. Natürlich auch in Abstimmung mit der Siegermacht Sowjetunion. Das war ja auf der westlichen Seite nicht anders (US-Amerikaner, Engländer und Franzosen).

Diesen Persönlichkeiten, die der faschistischen Bestie entronnen waren, habe ich meine grenzlose Hochachtung nicht verwehrt. Der Slogan »Nie wieder Krieg«, hervorgerufen durch Millionen Tote, Konzentrationslager und Judenverfolgung, haben meine Einstellung geprägt, um sich für die DDR zu entscheiden.

Dann kam die Friedliche Revolution von 1989. Und unsere Politiker um Honecker und andere Politgrößen haben vollkommen versagt. Sie waren nicht in der Lage die entstandene politische Situation zu meistern, um mit Gorbatschow gemeinsam in die deutsche Einheit zu gehen. Und dann wurde die DDR zur Treuhand. In den ersten vier Jahren nach der Friedlichen Revolution entwickelte sich die Treuhand sozusagen zu einer zweiten Regierung. Und die Politiker zogen den Schwanz ein. Gegenüber den Machenschaften der Treuhand hatten sie keine Chance, auch die Bürgerrechtler nicht. Viele von ihnen sind unter den Schutzschild des Kapitals gekrochen. Als zweite »Regierung« schlug das Kapital zu. Neue Eigentümer wurden gesucht. Alles das, was wir in der DDR aufgebaut hatten, wurden platt gemacht. Das macht mich heute noch wütend. Häfen, Wälder, Kinos, Villen, Stadien, Werften (Schiffbau-Bremervulkan - Millionen abgezweigt), Agrarbetriebe mit Grund und Boden (ist mehr wert als Gold und Silber), ganze Seen, Partei- sowie Stasi-und NVA-Vermögen (unsere Kriegsschiffe wurden für Millionen ins Ausland verkauft), neugebauter Wohnraum und Krankenhäuser, Ferienheime und sogar Zirkustiere fielen in den Rachen der kapitalistischen Treuhand.

Ich freue mich zwar über die Wiedervereinigung, wie viele andere auch, die nicht so alt sind wie ich. Aber die Lebenserfahrung sagt mir, vertraue nie wieder irgendeinem Politiker.

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