Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Teilenthauptung in Tageszeitungen

07.04.2016, Berthold Wendt, Kröpelin

Seit geraumer Zeit werden manche Porträts in einigen Tageszeitungen mit angeschnittenen Köpfen gedruckt. Oft wird dabei ein beträchtlicher Teil der Stirn abgeschnitten, was in meinen Augen geschmacklos ist. (Wer ist nicht beispielsweise auf seine hohe Stirn stolz?) Bisher war ich der Ansicht, dass dies durch die zum Teil automatisierte Layout-Gestaltung mit unreifer Software geschuldet ist oder von Zeitnot. Vor einigen Wochen jedoch brachte mir ein Gespräch mit einem Reporter einer regionalen Tageszeitung Aufklärung: Die angeschnittenen Köpfe sind eine Layoutvorgabe der jeweiligen Zeitung!

Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, genauer auf die Einzel-Porträts in den Tageszeitungen zu achten. Tatsächlich sind nur die wenigsten Porträt-Fotos mit angeschnittenen Köpfen dargestellt. Von einer generellen Layoutvorgabe kann also nicht gesprochen werden. In einem Leserbrief bat ich um Aufklärung. Die Antwort auf meine diesbezügliche Frage wurde in einem Artikel am 29. März gegeben, die sich auf die Behauptung, die Überschrift, reduzieren lässt: »Angeschnittene Porträts sind aussagekräftiger«! Schließlich verlor sich der Schreiber Dr. Bernhard Schmidtbauer, seinen stellvertretenden Chefredakteur zitierend, in die Aussage, dass »Stirn und Oberkopf« keine persönlichkeitsspezifischen Informationen enthalten.

So einfach ist das also! Für so eine pseudowissenschaftliche Behauptung bat mich die Redaktion, über eine Woche auf eine Antwort zu warten. Der Umkehrschluss lässt dann vermuten, dass alle Personen, deren Porträt bis über den Kopf reicht, im Bereich von »Augen, Nase und Mund« keine markanten Aussagen ermöglichen und deshalb die ›unwichtigere Stirn‹ und der ›unwichtigere Oberkopf‹ hinzugezogen werden müssen, um überhaupt eine Aussage über die dargestellte Person zu erreichen. – Erzählen Sie das mal einem Professor des Südstadt-Krankenhauses, Innenminister Thomas de Maizière oder gar dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ... (Seite 5 der Zeitung vom 29.3.16)

Durch die Bank betrifft die Darstellungsweise der angeschnittenen Köpfe nur Personen des gemeinen Volkes und Politiker der Linken. Nicht einmal die Redakteure und Reporter der Zeitung lassen sich teilenthauptet darstellen.

Ein weiterer Leserbrief zu diesem Thema, der auf die Haltlosigkeit der Antwort hinwies, kam gar nicht erst ins Netz. Offenbar wünscht man keine Leserdiskussion zu diesem Thema. Basta!

Es ist ein Teil der Wertschätzung, Porträts von Bürgern aus Mecklenburg-Vorpommern nicht mit halber Stirn darzustellen. Oder anders herum: Wer den Kopf von Menschen aus dem Volk beschneidet, der tritt den Willen des Volkes in übertragenem Sinne in den Schmutz, der will auch nichts von seinen Ideen wissen und hälts nichts von Demokratie.

 

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.