Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Sind Elefant, Löwe und Co. im Zirkus noch “Wildtiere” (*)? (Eine unpolitische Klarstellung)

23.02.2016, Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (VOR a.D., FTA für Tier- und Umwelthygiene und E-Helfer Afrika), Rostock
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Leserbrief "Verbot von Zirkustieren""
im Schweriner Blitz vom 08.02.2016

Eine breite, wenig aufgeklärte Öffentlichkeit fordert in Deutschland die Abschaffung von Elefant und Löwen als vermeintliche Vertreter der wilden Tierwelt in den Zirkussen! Das haben sich vor allem auch propagandistisch die „Grünen“ und andere „ökologische“ Parteigänger auf die Aktionsfahnen geschrieben. Militante „Tierschützer“ – oftmals nicht besonders profunde Kenner des Tierreichs und seiner Artenvielfalt - fordern sogar die „Befreiung“ aller Tiere aus dem „Gefängnis Zirkusarena“!

Zur sachlichen Aufklärung über mangelndes Verständnis von besorgten Tierfreunden über die Haltung von Zirkustieren sind zunächst die Amtstierärzte als politisch neutrale Fachbeamte aufgerufen, weil sie im Vollzug tierschutzrechtlicher Bestimmungen zuständig sind.

Als Frankfurter Amtstierarzt war ich 1987 zufällig während einer Tierschutzkontrolle Zeuge, als der große Veterinär, Zoodirektor, Tier- und Umweltforscher Professor Bernhard Grzimek während des Besuchs einer seiner beliebten Zirkuswelten bei „Krone“ verstorben ist. Der weltberühmteste und erfolgreichste Tierarzt würde sich im Grabe umdrehen, wenn seine Zoo- und Zirkustiere jemand ihm gegenüber – dem Afrikafroscher- noch irreführend als "Wildtiere" bezeichnet! Er hat schon früher festgestellt, daß „wilde Tiere“ alleine in der Natur Freilebende sind, die n i c h t von Menschenhand gezüchtet, gefüttert, gepflegt und ausgebildet wurden.

Unsere Zirkustiere, und auch die allermeisten Zootiere, entstammen - nicht nur wegen des Washingtoner Artenschutz-Abkommens von 1973 - allesamt seit Generationen schon Nachzuchten in menschlicher Obhut. Und sind damit nicht mehr "wild", sondern in erheblichem Maße schon domestiziert! Sie haben i.d.R. im Zirkus ihre Herkunft aus überzähligen Zootierzuchten, die sonst im Einzelfall sogar ausgemerzt (eingeschläfert) werden müssten, wenn in anderen Tiergärten für die reproduktionsfreudige Art in „Gefangenschaft“ kein aktueller Bedarf besteht. Es ist dann ein Überlebens-Glück, wenn sie schon in der frühen Prägungsphase an Tierlehrer (Dompteure) in den Zirkusbetrieb abgegeben, von dessen Hand aufgezogen und für eine bestimmte Schau-Nummer ausgebildet werden können. Dabei wird den zerebral hoch entwickelten Säugetieren das Lernvermögen durch behutsame Konditionierung an bestimmte Bewegungs-Aufgaben - die natürlichen Verhaltensmustern und der vorgegeben Motorik entsprechen - ausgenutzt und gefördert.

So wird der Dompteur vertrauensvoll und dominant zum Alpha-Tier der vierbeinigen Compagnie, wie Konrad Lorenz das schon in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sogar mit Vögeln – seinen berühmten Graugänsen - demonstrieren konnte. Für diese, und andere vergleichende Verhaltensforschungen hatte er immerhin 1972 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie bekommen

Weil in der Zoo- und Zirkus-Haltung die "verhaustierlichten" (Zit. K. Lorenz) Elefanten und Löwen von der aufwendigen, alltäglichen Futtersuche resp. des Beutejagens, durch die Tierhalter befreit und entlastet sind, müssen sie auch nicht mehr "gehalten" werden, wie im weitläufigen Lebensraum der afrikanischen Savanne. Den haben sie ja niemals kennen gelernt, und konnten demgemäß auch gar nicht mehr in ihrem ursprünglichen "Wildtier"-Verhalten durch die Elterntiere geschult werden!

Entsprechend sind Zoo- und Zirkustiere i.d.R. auch gar nicht mehr auszuwildern und im Freien überlebensfähig, wenn man das nach der Prägung auf, und Fürsorgezeit durch Menschen, anstellen wollte. Das gelingt nur bei ausgesprochenen Einzelgängern, falls man für die noch ein mit Artgenossen unbesetztes Territorium (Habitat) in der freien Natur vorfindet, wie z.B. mit einem Nashorn aus dem Frankfurter Zoo, das in den 1990er Jahren nach Ostafrika geflogen und ausgesetzt worden ist. Leichter geschieht das natürlich mit einer reproduktionsfähigen Herde von Weidetieren, wie Equiden oder Antilopen, wenn die vor der Wiederansiedlung in ihrer Ursprungsheimat schon auf ausschließlich selbständige Futtersuche konditioniert wurden. So ist das ja erfolgreich geschehen mit den Zoo-Przewalski-Pferden.aus dem Münchner Tiergarten Hellabrunn durch Professor Wiesner in die mongolische Steppe, oder den Mohr-Gazellen aus dem Frankfurter Zoo in das marokkanische Atlasgebirge. Mit den in menschlicher Obhut nachgeborenen und verwöhnten Zirkustieren Elefanten und Löwen gelingt die rückwärtige Prägung vom Verhaustierlichten zum freilebenden, unabhängigen „Wildtier“ normalerweise nicht, weil sie dort i.d.R. keinen „Familien“ (Herden)Anschluss bei den eingeborenen Artgenossen finden.

Solange Säugetieren hochentwickelter Spezies, die keine Wildfänge (!) sind, sondern aus Nachzuchten stammen, ihr täglicher Lebensbedarf im künstlichen Biotop/Habitat des Menschen - in das sie hineingeboren wurden - gesichert ist, und dabei tierärztlich-objektiv die Gesundheit gewährleistet wird, sowie keine Verhaltens-Auffälligkeiten durch Langeweile entstehen können, und die Ausbildung durch Tierlehrer nicht „quälerisch“ (d.h. art- und verhaltensgemäß) durchgeführt wird, liegt kein Tierschutz-Verstoß vor! Zu dieser objektiven und unideologischen Beurteilung sollten insbesondere Amtstierärzte berufen und befähigt sein!

Nur Tierschutz-Laien sehen z.B. den "Kopfstand" eines Zirkus-Elefanten als dressierten Unsinn an, weil sie nicht wissen, dass die sensiblen Dickhäuter genau den können müssen, wenn sie in der Trockenzeit mit dem Elfenbein im versiegenden Flussbett nach Tränkewasser graben wollen. Ähnliche anthropozentrische Fehlbeurteilung ist es immer noch, unsere seit Jahrtausenden durch Menschen domestizierten Reit-Pferde primär als "Fluchttiere" zu deklarieren. Sie können natürlich, -wie alle erschreckten Lebewesen-, sich vom Furchtauslösenden abwenden und als hervorragende Lauftiere "die Flucht" ergreifen.

Dass wir bestimmte Exoten – wie undressierbare Reptilien - im Wanderzirkus nicht menagerieähnlich zur bloßen Schau stellen sollen, ist dabei für jeden Tierfreund unbestritten. Dafür kann in der Zirkuswelt den zerebral hochentwickelten, verhaustierlichten Säugetieren (cave: Wildtieren!) in menschlicher Obhut durchaus artgemäße Beschäftigung geboten, sowie zircensische Leistungen zur Erhaltung der körperlichen „fitness“ und Verhaltens-Ausgeglichenheit abverlangt werden! Ansonsten würden sie sich der Hand und Stimme des Tierlehrers widersetzen oder verweigern.

Ein zoologisch und ethologisch ausgebildeter Dompteur wird seinen anspruchsvollen Schützlingen mit „Wildtier“-Phylogenese – aber „Haustier“-Ontogenese (!), immer nur körperliche Leistungen abverlangen, die ihnen im Bewegungsablauf naturgegeben, und seiner verhaustierlicht-konditionierten Psyche, sowie seiner Anatomie und Physiologie, entsprechen. Ansonsten würde er sich jedes Mal dem Risiko von lebensgefährlichen Affektbissen- und Abwehrtritten aussetzen.

Es wäre wirklich schade, wenn künftige Generationen von staunenden Kindern die klassische Zirkus-Atmosphäre mit Artistik, Clownerie u n d Tiervorführungen nicht mehr erleben, und auch schnuppern könnten. Denn, was macht das „Kulturgut Zirkus“ aus? --- Das ist ergänzend zum Theater und Varieté – die faszinierende Zusammenarbeit zwischen Mensch und potentiell (noch) gefährlichen Tieren, die nach ihrem bloßen Aussehen- und manchmal angedeuteten Verhalten, (noch) „Wildtiere“ zu sein scheinen… Es aber nach vorheriger Klarstellung tatsächlich nicht mehr sind!

Jedenfalls ist der „Circus Roncalli“ mit seiner bewunderten Kostüm- und Musikschau, den Jongleuren und der Edelgastronomie vor allem deshalb geschäftlich erfolgreich, weil er die erheblichen materiellen und finanziellen Aufwendungen für die Haltung der Tiere in seinem Etablissement scheut… Er verdient deshalb aber nicht mehr den Namen „Zirkus“, u.a. auch, weil ihm das große kindliche Publikum fehlt! Natürlich wird im „Frankfurter Tigerpalast“ niemand die tierischen Namensgeber vermissen, weil er stattdessen ja eine wunderbare Nightclub-Atmosphäre mit Gesang und Tanz findet.

 

*) Wildtiere sind nach meiner Definition nur solche Tiere, die völlig unabhängig vom Menschen einen bestimmten Lebensraum mit anderen freilebenden („wilden“) Arten besiedeln, und sich dort selbständig im „struggle for life“ (zit. Ch. Darwin) ernähren und vermehren. Ihr Verhalten ist in keiner Weise, –ausgenommen in der Distanzgewöhnung an wiederholte menschliche Begegnungen, z.B. mit Safaribussen, - von der humanen Abhängigkeit geprägt.

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