Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Seiteneinsteiger Lehrer ohne Ausbildung

18.10.2013, Manfred Paulischkies, Schwerin-Friedrichsthal

Leserzuschrift Lehramtsstudium

 

Ein Beitrag in der Presse (Do. 10.10.13.) unter der Überschrift:„Lehrer ohne Lehramtsstudium bald kein Problem mehr?“ und die darin geäußerten Meinungen brachten mich dazu, über meinen Weg zum Lehrerberuf nachzudenken und zu berichten. Besonders das, was der Bildungsminister zu den „Seiteneinsteigern“ geäußert hat, kann ich so nicht hinnehmen. Deshalb dazu meine Vorstellungen. 1928 wurde ich in einem kleinen Ort, in der Nähe der Memel, in Ostpreußen geboren. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Meine Eltern hatten dort einen kleinen Bauernhof. Der 2. Weltkrieg brachte es mit sich, dass meine Eltern ihren Bauernhof verlassen mussten und auf der Flucht bis nach Görslow am Schweriner See kamen. Da ich mir damals auch noch eine Uniform anziehen musste, endete der Krieg für mit einem kurzen Aufenthalt in einem englischen Gefangenenlager und danach als Pferdeknecht bei einem Bauern in der Nähe von Kaltenkirchen. 1946 machte ich mich auf den Weg nach Osten in die sowjetische Zone. Nicht aus politischen Gründen, sondern einfach nur nachhause zu meinen Eltern. In Görslow hatten sie einen Neubauernhof erhalten und mein Vater machte sich daran, für uns eine neue Heimat zu erschaffen. Und dort begann dann auch mein Weg in den Lehrerberuf. Aber unter ganz anderen Umständen, wie wir sie heute haben. Soweit mir noch in Erinnerung ist, begann man in der sowjetischen Besatzungszone bereits im Oktober 1945 mit dem Schulbetrieb. Als Lehrer stellte man die alten, aber „entnazifizierten“ Lehrer ein. An vielen Stellen, vor allem in den Dörfern, war man gezwungen, auch andere geeignete Personen zu finden und sie nach kurzer Einweisung als Lehrer einzusetzen. Aber noch vor der Gründung der DDR legte man Wert auf eine solide pädagogische Ausbildung der Lehrer, so wie ich sie dann auch kennengelernt habe. Ab April 1947 besuchte ich eine „Neulehrerausbildung“ in Schwerin. Ein Jahr Unterricht, Vorlesung konnte man das ja noch nicht nennen. Erst danach konnte man als Lehrer in einer Schule eingesetzt werden. Untergebracht waren wir in Zippendorf in dem Hotel auf dem Berg. Nach Zippendorf fuhr damals noch die Straßenbahn durch die Schloßgartenallee. Der Unterricht fand zunächst im Gymnasium am Totendamm statt; 2 Monate später wurde alles verlegt in die Bergstraße, Schule und Internat. Meine erste Schule war dann die Gerhard-Hauptmann-Schule; ich als Neulehrer für die unteren Klassenstufen. Damals noch getrennt in Jungen- und Mädchenschule. Methodisch war fast alles so, wie ich es aus meiner Schulzeit kannte. Nur den „däächten Schacht“ (Rohrstock), wie bei „Köster Klickermann“, den gab es nicht mehr. Abschluss der ersten Etappe als Neulehrer war die erste Lehrerprüfung. Ab April 1950 ein Jahr Weiterbildung an der pädagogischen Schule in Putbus auf Rügen; Abschluss zweite Lehrerprüfung. Danach dann wieder als Lehrer in Schwerin, jetzt aber in den oberen Klassenstufen in der Karl-Liebknecht-Schule. Zu der Zeit begann man schon in einigen Klassen methodisch zu experimentieren: Einrichtung einer Klasse, Art einer Prüfung, Diktat, Prüfungsfragen, usw. In der Zeit wurde auch die erste Ganztagsschule am Ziegelsee gebaut und genutzt. Für mich kam 1952 die dritte Stufe der Ausbildung: Fachlehrer für Mathematik, Physik und Chemie in Mühlhausen; wieder ein Jahr. Danach Einsatz in Gadebusch in der erweiterten Oberschule. Und von nun an war man für seine persönliche Weiterbildung selber verantwortlich. Ich konnte die Schule wechseln und war dann 3 Jahre an der Pädagogischen Schule für Kindergärtnerinnen im Schloss. Gleichzeitig begann ich mit einem 6-jährgen Fernstudium an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam. Durch meinen Einsatz im Schloss gehörte ich nicht mehr zu „Margots Volksbildungsministerium“, sondern zum Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen. Meine letzte Schule war die Ingenieurschule für Maschinenbau in Schwerin-Lankow. Dort habe ich bis zum Ende meiner Laufbahn Ingenieure in den Fächern Mathe, Physik/Chemie und Informatik ausgebildet. Natürlich kann man die Zeit damals mit heute nicht vergleichen und der Lehrermangel hatte auch ganz andere Ursachen. Aber die „Seiteneinsteiger“ als Lehrer ohne Ausbildung „acht Jahre lang mit den Kindern ohne berufsbegleitende Qualifizierung experimentieren zu lassen“ (nachzulesen in der SVZ, 10.10.2013.) ist für mich vollkommen unverständlich. In welchem handwerklichen Beruf, die Pädagogik kann man durchaus damit vergleichen, kommt man ohne eine Grundausbildung zurecht? Ich bin gerne bereit, dem Herrn Minister behilflich zu sein bei der Lösung seines Problems mit dem Lehrermangel. Sein Vorschlag „Pionierleiter“ zeigt mir, dass er nicht ganz so verbohrt ist gegen die Bildung in der ehemaligen DDR. Wenn aber die „Einkommensgruppen“ wichtiger sind als die „Bildung“, dann dürfen wir uns nicht wundern über unseren miserablen Bildungsstand, den man uns unlängst nachgewiesen hat.

Manfred Paulischkies, Schwerin

 

 

 

 

Anmerkung an die Redaktion:

Sollte meine Zuschrift für eine Veröffentlichung geeignet sein, aber in Form oder Länge den Anforderungen nicht entsprechen, habe ich nichts dagegen, wenn sie notwendige Änderungen selber vornehmen.

 

 

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.