Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

»Schilda des Nordens«

01.10.2013, H. Pietschmann

Dies wäre eine zutreffende Bezeichnung für Rostock, wenn die von Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens am 21. September vorgelegten Pläne für einen »Schiffsgarten« tatsächlich von ihrer Bürgerschaft beschlossen würden. Denn dann hätten wir als weltweites Novum zugleich ein Schiff ohne Hafen und einen Hafen ohne Schiffe Erinnern wir uns: Durch den Mauerbau wurden zu DDR-Zeiten alle Häfen zu hermetischen Sperrbezirken, und nur deshalb wurde das Traditionsschiff MS »Dresden« damals am Schmarler Schilfgürtel verankert. Trotz der abgeschiedenen Lage kamen jährlich hunderttausende Besucher, eben weil es das einzige Hochseeschiff war, das außerhalb der Sperrzonen lag. Derzeit aber muss der Haushalt der Stadt jährlich 900.000 Euro zuschießen, weil meist mehr Personal an Bord ist, als Besucher auf dem Schiff sind. Das Alleinstellungsmerkmal dieses Schiffs ist völlig verloren gegangen, zumal sich Warnemünde zum frequentiertesten Kreuzfahrthafen Deutschlands entwickelt hat. In Warnemünde und im Stadtgebiet Rostocks sind die Touristenströme unterwegs, eine Erhöhung der Taktung bei den Buslinien zum Park würde sinn- und erfolglos zusätzliche Subventionierung erfordern. Auch ein Anlaufen durch Fahrgastschiffe müsste subventioniert werden, da die zusätzlichen Treibstoffkosten für einen Zwischenstopp keine Deckung finden und eine Extralinie unrentabel wäre. 18 Millionen Euro Investition für einen landseitigen Museumsbau bis 2018 »kann die Stadt leisten«, so Frau Jens. Die Betriebskosten für zusätzliches Personal, Instandhaltung, Heizung etc. finden keinerlei Erwähnung, könnten selbst bei den wie angenommen steigenden Besucherzahlen bei weitem nicht kompensiert werden und zu einem wirtschaftlichen Fiasko für die Stadt führen.

Es gab einmal Konsens: 2018 soll die Stadt ein neues Theater haben. Bis heute stehen dafür weder Standort noch Finanzierung fest, aber nach dem »Schiffsgarten« von Frau Jens wird schon mit dem »Stadthallenneubau bis 2018« eine neue Sau durchs Dorf getrieben.

Die Steckenpferdreiterei der Aufsichtsräte in der Bürgerschaft galoppiert ohne Rücksicht auf die Finanzlage der Stadt. Nur der Stadthafen als Wiege und Herz der Stadt hat unter diesen Volksvertretern keinerlei Lobby – ein Entwicklungskonzept hierfür fehlt nach wie vor. Durch die notwendige millionenschwere Sanierung des Stadthafens wurde nach 1990 die von Anfang an geplante Umsetzung des Traditionsschiffs verschoben. Nun liegen nach dem Abgang der »Stefan Jantzen« und der »Georg Büchner« über 6 km Kaikante völlig verwaist, aber die Bürgerschaft sieht einfach keinen Anlass, dies zur Kenntnis zu nehmen. Stattdessen treibt die Demagogie der Gegner des Bürgerwillens Blüten: die »Dresden« sei 20 Meter länger als die »Büchner«, die Verholung würde über 10 Millionen kosten. Nun will uns auch noch ein Werbefachmann aus Berlin mit der Behauptung, ein Schiff liege am Garten besser als in einem Stadthafen ganz standesgemäß Sch… als Bonbon verkaufen.

Die Abgelegenheit des IGA-Geländes vom Stadtzentrum war schon eine der Ursachen, dass die Gartenbauausstellung mit 20 Millionen Verlust desaströs endete, auch nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre Warnung genug, dort wieder ein Fass ohne Boden aufmachen zu wollen.

In wenigen Wochen schreiben wir das Jahr 2014 und es ist höchste Zeit, dass sich die Bürgerschaft im Hinblick auf das Stadtjubiläum 2018 auf das Machbare konzentriert. Dazu gehört zweifellos, dass durch Verholung des Traditionsschiffs mit Museum das Erscheinungsbild Rostocks als Hafenstadt auch außerhalb der Sail-Tage aufgewertet wird und durch fußläufige Erreichbarkeit die jährlich notwendigen Zuschüsse gesenkt werden.

Ein neues Stadttheater und ein als solcher erkennbarer Stadthafen, das sind bei der Kürze der Zeit und den knappen Finanzen noch erreichbare Ziele, aber nur, wenn das Stadtparlament endlich zu verantwortungsbewusster, zielfokussierter Tätigkeit findet.

 

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