Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Renntourismus

10.05.2019, Martina Plischka, Plau am See

Ich fahre mit dem zulässigen Tempo auf der Bundesstraße von Waren in Richtung Röbel. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich neben mir, auf der Gegenfahrbahn ein grasgrünes Geschoss auf, ein Ferrari, der mich in atemberaubender Geschwindigkeit überholt. Er fährt so schnell, dass er kurzzeitig hin und her schleudert und beinahe im tiefer gelegenen Grüngürtel landet, in dem er sich vermutlich überschlagen hätte. Bei diesem Vorfall fühle ich mich spontan an den Unfall der jungen Mutter mit ihrem Kleinkind erinnert, die auf der Autobahn von einem solchen Rennfahrer überrascht wurde. Sie und ihr Kind kamen dabei zu Tode.

Deutschland gilt als ein freies Land, vor allem was die Freizügigkeit auf den Autobahnen betrifft. Überall auf der Welt gibt es Geschwindigkeits-beschränkungen, nur hier nicht.

Man redet viel über Umweltschutz, die Sperrung von abgasverseuchten Städten für bestimmte Fahrzeuge, aber zu der einfachsten Lösung, einem Tempolimit auf Autobahnen mag man sich nicht entschließen. Autofahrer mit einer hohen PS-Leistung unter der Motorhaube dürfen auf Kosten der Umwelt und Allgemeinheit rasen. Der Verkauf dieser PS-starken Fahrzeuge lief bislang bestens, die Autoindustrie rieb sich die Hände, die Managergehälter stiegen ins unermessliche.

Einige Tage nach meinem Erlebnis mit dem Rennwagen:

Nirgendwo konnte man die Schere zwischen Arm und Reich so gut betrachten, wie neulich: Da kommt die Radiomeldung mit Warnhinweis, dass auf der A20 in MV ein Autorennen mit über 100 Sportwagen, darunter Porsche, BMW, Ferrari und Co. auf der Autobahn gesichtet wurde.

Die Anrufe einer Vielzahl völlig erschrockener anderer Autofahrer löste bei der Polizei Alarmstufe 1 aus. Eine ganze Staffel Polizeibeamter mitsamt Hubschraubereinsatz beendete die illegale Autorally und setzte die wild gewordenen Rennfahrer erst einmal fest. Sie kamen aus Norwegen, Schweden, den Niederlanden, der Schweiz und so weiter, also Länder mit Tempolimit. Hierzulande lässt sich die atemberaubende Geschwindigkeit wunderbar auskosten. Renntourismus nennt sich so etwas. "Die Weiterfahrt wird definitv unterbunden," so ein Sprecher der Polizei am Tag des Geschehens. Was passierte im Anschluss? Neben einem Bußgeld und diversen Anzeigen durften die Renntouristen wieder weiter fahren, in angemessenem Tempo, versteht sich ...

Woanders wäre der Führerschein sofort entzogen, der Wagen konfiziert und versteigert worden.

Mich erinnert das Ganze eher an die Zeiten, in dem der Herrscher riesiger Ländereien mal eben mit seinem Pferdegespann über seine, in Leibeigenschaft, geführte Knechtschaft hinweg bretterte.

Für mich zeigte sich noch nie so klar und deutlich die heutige Dekadenz mancher mit Sicherheit nicht durch harte Arbeit zu Reichtum gekommenen Elite.

Leute es reicht! Geht wählen!

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