Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Peter, die Souffleuse und die jungen Wölfe

23.05.2014, I. S.chreifrosch, Stralsund

Letzten Samstag, am 10. Mai 2014, hatte ich es geschafft meinen fast erblindeten, altbekannten Freund, nennen wir ihn ruhig Peter, zu überreden, mit mir in die Opernpremiere »Die Hochzeit des Figaro« zu gehen. Er wurde zu meinem Retter in der Not. Ursprünglich als Muttertagsgeschenk gedacht, hatte ich meine liebe Müh’ die zweite Karte an die Frau oder den Mann zu bringen. Diese oder Jener waren zum Geburtstag eingeladen, hatten keine Interesse an Oper (Kunstbanausin), waren anderweitig verpflichtet oder haben sich erst gar nicht zurück gemeldet, wohl infolge der kurzen Zeit. Da kann ich nur sagen: pP: persönliches Pech.

Die Vorstellung war eine Glanzleistung und ich begreife eigentlich nicht, weshalb der Applaus schon nach recht kurzer Zeit so abrupt verebbte. Nach dreistündiger, schwerer Arbeit aller daran beteiligten Künstler hatte ich etwas mehr davon erwartet. Aber ich schweife ab. Nachdem also Plan A-... nicht funktioniert hatte und ich noch lange nicht bei Plan Z angelangt war, nämlich die Karte einfach an der Kasse zu hinterlegen, um mich überraschen zu lassen, wer da so aufgetaucht wäre, fiel mir mein Freund Peter wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein. Ich rief ihn an, fragte ob er will, fragte seine Mausi, ob sie ihn mir ausborgt und die Sache war perfekt. Ich war glücklich, Peter überrumpelt, freute sich aber auch.

Fast pünktlich, immer will ich pünktlich sein, schaffe es aber nie, suchen wir unsere Plätze 9 und 10 im Parkett Reihe 11. Hört sich wie ein Witz an, ist aber keiner. 9,10,11 Punkt.

Peter hatte keine Zeit sich noch über den Inhalt der Oper zu informieren, ich sowieso noch weniger davon nach der Auftakelei zur verjüngten, «alten Fregatte« und kaufte also noch zwei Minuten vor der Angst ein Programmheft. Um mir selbst nochmal Namen und Geschichte von »Figaros Hochzeit« zu vergegenwärtigen und immerhin noch zwei Akte im Schnellverfahren vorlesend begann die Aufführung, damit meine Arbeit als Souffleuse, das allmähliche Erwachen der jungen Wölfe und das Debakel dieser Geschichte nahm seine Lauf.

Ein fast Blinder kann nichts sehen. Er kann hören, auch mein Lachen und das der uns umgebenden Besucher. In meiner Begeisterung und gleichzeitiger Bemühung ihn auch durch meine Augen sehend werden zu lassen, an dieser komödiantischen Oper von Mozart und dem Librettisten da Ponte teilhaben zu können, flüstere ich mal mehr, mal weniger leise in sein linkes Ohr, was da vorn gerade so passiert. Manchmal muss ich sogar richtig lachen und zwar unschicklich laut für mein Alter und unpassend angesichts der Gehobenheit einer Premiere. Schon dreht sich ein leicht ergrauter Wolf, mittleren Alters in der Reihe vor uns um und schaut mich über die Schulter blickend strafend an. Sofort bin ich still wie eine kaputte Uhr.

Zu meiner Rechten sitzt eine sehr junge Frau. Stellvertretend für eine befreundete Redakteurin des Internetportals »Theaterpoint« schreibt sie an einer Rezession des Stückes bei schlechtem Licht und nun meinem ewigen Gefasel. Als wir unsere Plätze vor Beginn der Aufführung einnahmen war ihr keineswegs entgangen, dass mein lieber Peter mit seinem weißen Stock und dem mit drei schwarzen Punkten versehenen, gelben Blindenabzeichen zwangsläufig nur noch sehr geringfügig sehend sein konnte. Ich wusste schon, dass mein Gebrabbel störend sein würde und nach dem 2. Akt machte ich wie immer denselben Fehler, nämlich mich für etwas zu entschuldigen, wofür es nichts zu entschuldigen gibt. Wozu musste das denn nun sein. Nun ja. Ich wollte einfach nur um Verständnis und Nachsicht bitten. Da hatte ich allerdings die Rechnung ohne die junge Wölfin gemacht. Sie funkelte mich mit ihren schönen Augen an und über ihre dunkelroten Lippen knurrte sie nun hervor, dass wir uns ja auch woanders hinsetzen hätten können. Nun antwortete ich etwas erstaunt über so wenig Sensibilität mit den bereits bekannten Worten, dass es »vollkommen gleichgültig ist wo eine Blinder sitzt«, und mein Theaterfreund und ich empfahlen uns in die Pause.

Eiligst stürzten wir zur Bar und dann die Becher hinunter, damit ich Peter nun wenigstens noch schnell den Ablauf der letzten beiden Akte erzählen konnte, nur um nicht noch mehr aus dem Rahmen zu fallen. Einige Besucher begafften meinen Peter nämlich inzwischen wie eine persona non grata. Welch ein Glück, dass er es nicht sehen konnte. Blindsein ist manchmal besser, als mit Blindheit geschlagen zu sein. Sie wissen schon was ich meine, denn Sie sind ja nicht blind.

Wir gingen dann noch angemessenen Schrittes von der linken auf die rechte Seite des Theaters, um dann eiligst, nach vielen anschaulichen Erläuterungen für Peter und dem auffordernden Klingeln zum nächsten Akt, wieder nach unten und nahmen unsere Plätze ein. Nun saß der männliche junge Wolf an meiner rechten Seite. Ich nahm es zu Kenntnis, erzählte Peter abschließend noch etwas zu dieser leidigen Angelegenheit mit den Worten, dass »sie ja auch mal älter werden«. Na, nun ging’s aber richtig los. Der in grauem Pullover bzw. Fellgewandete sprang mich förmlich an, dass es nun wohl reiche, sie hätte doch gar nichts gesagt. Schade um so einen jungen Wolf. Er kann zwar sehen, aber dafür wollte er nichts gehört haben. Ich blitzte ihn nur an und entschuldigte mich SCHON wieder, dass sie sehr wohl etwas gesagt hätte, aber es für einen Sehbehinderten völlig gleichgültig ist wo er sitzt, liegt oder steht. Oben, unten, rechts, links, im Parkett, im Rang oder unter der Teppichkante.

Sehen kann er zwar immer noch nichts, dafür kann er umso besser hören, fühlen und empfinden als so mach blinder Sehende. Ja, liebe Leserinnen und Leser versuchen Sie es einfach mal. Schließen Sie die Augen, hören Sie Mozart’s Figaro, wissen nicht ganz genau worum es geht und versuchen nun anhand der aus der Erinnerung heraus bekannten Namen, Gesichter und Stimmen alles in Übereinklang zu bringen. Sie werden merken was das für eine Meisterleistung ist. Denn mein Peter ist schon fast unheimlich intelligent, lebensklug und eine Seele von Mensch.

Mensch Peti, Hasi, ich lieb Dich so wie Du bist, ob mit nur einem Ohr wie van Gogh oder einem ehemaligen Fünfenschreiber wie Einstein mit seiner Relativitätstheorie. Alles erst spät erkannte Genies. Das musst Du nicht, denn Du bist es ja schon.

Ich danke Dir für diesen wunderbaren Abend und freue mich, dass es Dir gefallen hat.

Bei allen anderen Sich-Gestört-Gefühlten möchte ich mich entschuldigen, schon wieder entschuldigen........ Gleich entschuldige ich mich noch für die Entschuldigung.

Ach ja. Besonders gefallen zu haben schien es den beiden Wölfen auch nicht. Beide schlichen hoch erhobenen Hauptes aber eingekniffenen Schwänzen von dannen, leider ohne sich zumindest für diese Unflätigkeiten zu entschuldigen.

Immer dasselbe mit mir. Entschuldigungen sind so was von unmodern, also schrei hier nicht so rum, Du. I.S.chreifrosch, Name und Anschrift sind der Redaktion bekannt

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