Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Offener Brief

23.03.2012, Prof. Hartmut Haenchen, Dresden

Als ehemaliger Chefdirigent des Mecklenburgischen Staatstheaters machen mir die Pläne, weitere 60 Stellen am Mecklenburgischen Staatstheater zu streichen, mehr als große Sorgen. Aber nicht nur in dieser Eigenschaft mache ich mir Sorgen. Als Bürger Europas, der einmal mitgewirkt hat, die Mecklenburgische Staatskapelle als führenden Klangkörper des Landes für seine zeitgemäßen Aufgaben zu vergrößern, mache mir Sorgen über die Zukunft Europas, denn die Kultur Europas hat die Produktivität und Leistungsfähigkeit Europas erst möglich gemacht.

Es gibt wieder einmal Pläne zu Kürzungen in der Kultur. (Von »sparen« kann keine Rede sein, denn das tut man in guten Zeit für weniger gute Zeiten und von »Einsparen« kann auch keine Rede sein, denn die vorgesehenen Einschnitte werden in absehbarer Zeit ein Vielfaches der »eingesparten« Summe kosten). Diesmal soll es auch wieder das Mecklenburgische Staatstheater treffen. Wir sprechen ja nicht über einen einmaligen Vorgang. Wir sprechen mit diesen Plänen über einen planmäßigen Abbau der Kultur. Wenn man die Pläne liest, denkt man erst, dass das ein Druckfehler sein muss, denn diese (weiteren) Einschnitte sind ein Kahlschlag in der Kultur. Wie kann es sein, dass nach dem 2. Weltkrieg, in einer Zeit der Armut, prozentual mehr Geld für Kultur verfügbar war und jetzt in Zeiten des Reichtums ein großer Teil der Subventionen in der Kultur gestrichen werden?

Ich kann sie nur auffordern, sich einmal die internationalen Studien anzuschauen, die die Wechselwirkung zwischen Kultur und sozialen Problemen und Kriminalität untersuchen. Niemand kann nach der Beschäftigung damit auf die Idee kommen, die ohnehin schon zusammengeschrumpfte Orchesterlandschaft in Europa und vor allem in Mecklenburg-Vorpommern weiter zu dezimieren, denn es wird deutlich, dass das jetzt gestrichene Geld zeitversetzt für soziale Fragen und gegen Kriminalität ausgegeben werden muss.

Wir sind uns in Mitteleuropa einig darüber, Diktaturen zu bekämpfen. Aber warum sind Diktaturen manchmal über zu lange Zeit erfolgreich? Weil sie u.a. alle ein umfängliches und meist kostenfreies Jugendprogramm haben, welches künstlerische Betätigung fördert. Die Demokratien sollten ihre Jugendprogramme ausbauen. Die Kosten, die das erfordert, werden schon eine Generation später bei der Sozialhilfe und bei der Bekämpfung der Kriminalität doppelt eingespart werden können. Es gibt keine noch so primitive Menschengemeinschaft ohne Musik. Musik und spekulatives Denken sind im materiellen Sinne – scheinbar –nutzlos. Aber die inzwischen wissenschaftlich bewiesene Wirkung der klassischen Musik, von der höheren Leistung der Milchkuh bis zur größeren Leistungsfähigkeit von Kindern, die mit klassischer Musik aufwachsen, erbringt am Ende auch materiell greifbare Erkenntnisse, obwohl eben gerade diese materiellen Ergebnisse nicht im Zentrum der Kunstdiskussion stehen dürften, denn Kunst hat nicht die primäre Aufgabe »rentabel« zu sein und muss ich nicht über die Wirtschaftlichkeit definieren. Die Verantwortungsträger verlangen aber immer wieder diese Diskussion. Leider gibt es trotz der wirtschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung von Kultur und Kunst keine entsprechenden politischen Entscheidungen – im Gegenteil: Trotz »Wachstum« wird im Bereich der Kultur überall und zuerste gekürzt. Alles, was nicht unmittelbar in Geldwert auszudrücken ist, wird »weggespart«, denn Politik denkt nur in Wahlperioden. Kunst und Kultur aber müssen in Menschheitsdimensionen schaffen und denken.

Berlusconi war beim Sparen in der Kultur wieder einmal Negativ-Beispiel Nummer eins in Europa, dem zu Zeit die neuen Regierungen in Den Haag und Kopenhagen den Rang ablaufen wollen, Deutschland tut nun ein gleiches und Mecklenburg-Vorpommern will seine größten Werte weggeben. Demgegenüber kann man nur rufen: Humanistische Bildung ist ein Bürgerrecht. Ihre Verweigerung ist inhuman und im höchsten Maße wirtschaftsschädigend, denn die Bildungsverlierer von heute sind die wirtschaftlich abhängigen von Morgen.

Stellen Sie und andere führende Politiker echte Kultur auf den ersten Platz und Europa wird überleben.

 

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