Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Offener Brief

19.09.2017, Bürgerinitiative "Rettet den Grünwall", Rostock-Kassebohm

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, die Anwohner von Brinckmansdorf, Ortsteil Kassebohm, protestieren auf das Schärfste gegen die geplante Entfernung des Grünwalls und die damit einhergehende Rodung des Baumbestandes zwischen dem bestehenden Wohngebiet und dem neu zu bebauenden Gebiet auf dem Gelände der ehemaligen Molkerei.

Gemäß Paragraf 1 Baugesetzbuch sind bei der Aufstellung von Bebauungsplänen die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und zu entwickeln sowie die Belange des Naturschutzes und der Landschaftspflege zu berücksichtigen. Die Entfernung des Walls mit seiner vielfältigen Flora und Fauna, insbesondere mit seinem umfangreichen Baumbestand, ist ein Eingriff in die Natur im Wohngebiet des Ortsteils Kassebohm und entspricht nicht den gesetzlich festgeschriebenen Vorgaben.

Sofern Baugebiete entstehen, ist davon auszugehen, dass bestehender Lebensraum für verschiedene Tier- und Pflanzenarten vernichtet wird. Es ist deshalb umso wichtiger, gewachsenen Baumbestand als Puffer zwischen dem bestehenden und neu zu bebauenden Gebiet zu belassen. Der Grünwall dient im konkreten Sachverhalt u. a. Rehen, Fledermäusen, Füchsen, anderen Kleinsäugern, verschiedenen Vogelarten, Insekten und Kriechtieren als Lebensraum.

Aktuell wird mit hohem finanziellem Aufwand ein Winterquartier für Fledermäuse direkt angrenzend an den vorhandenen Grünwall errichtet. Des Weiteren werden die zahlreichen Nistkästen an den Bäumen auf dem Grünwall durch die verschiedenen Tierarten genutzt. Was nutzt der Fledermaus ein Quartier ohne Nahrungs-, Jagd- und Lebensraum?!

Der Grünwall hat wesentlichen Einfluss auf das Wohlfühlklima der Bewohner. Städtisches Flair gepaart mit ländlichem Charme machen diesen Teil Rostocks zu einem einmaligen Wohngebiet. Jedem Einzelnen von uns sind die aktuellen Diskussionen um die Feinstaub- und Lärmbelastung, insbesondere in Großstädten präsent und sollten unserer Auffassung nach Berücksichtigung bei der Erstellung von entsprechenden Bebauungsplänen finden. Jeder Baum zählt!

Im bestehenden Bebauungsplan Molkerei/Kassebohm ist auch in Abstimmung zum Bebauungsplan Nr. 12 W. 29 der vorhandene Grünwall vorgesehen. Dies wurde in den Planungen zum Wohngebiet Kassebohm berücksichtigt und kann aus unserer Sicht nicht ohne weiteres nachträglich geändert werden, nur um die Fläche der Molkerei noch intensiver und dichter bebauen zu können.

Die gesamte Wohnsituation wird für die derzeitigen Anwohner durch die Planungen nachhaltig verschlechtert. Das ist nicht hinnehmbar.

Unter Ausblendung ökologischer Belange und ausschließlicher Fokussierung auf eine maximal Ausnutzung des Grundstücks Molkerei für Wohngebäude im Sinne einer Profitmaximierung werden die Gelange des Naturschutzes und der bereits hier wohnenden Menschen bei der derzeitigen Planung völlig ausgeblendet.

Kassebohm ist das größte Wohngebiet der Hansestadt Rostock und eines der größten Neubaugebiete in den neuen Bundesländern nach der Wende, welches explizit unter Erhalt einer Vielzahl von Grünflächen geplant wurde. Durch die anstehende Maßnahme wird dieses Wohngebiet nahtlos erweitert, ohne den über Jahre gewachsenen Grünbestand zu erhalten. Das Ziel des Bebauungsplanes Kassebohm, ein ausgewogenes Maß zwischen Mensch und Natur, zwischen Grün- und bebauter Fläche zu erreichen, wird dadurch untergraben.

Auf der Ortsbeiratssitzung am 5. September 2017 wurde diese Thematik überhaupt nicht diskutiert. Offensichtlich haben die Mitglieder des Ortsbeirates die Brisanz nicht erkannt, da der Investor nur von einem Lärmschutzwall sprach, der nicht mehr benötigt wird. Allein diese Haltung ist für die Anwohner nicht nachvollziehbar. Dieser Wall ist aber mittlerweile viel mehr als nur ein Lärmschutzwall, er ist eine grüne Oase für die hier lebenden Menschen, Tiere und Pflanzen.

Leider haben die meisten Anwohner erst durch die Veröffentlichung der Planung in einer Tageszeitung vom 7. September 2017 Kenntnis vom konkreten Ausmaß der Bebauung erhalten.

Wir stellen klar, dass wir nicht gegen die Bebauung des Gebietes sind. Wir begrüßen die Entstehung neuen Wohnraums. In der nunmehr vorliegenden Entwurfsplanung wird aber das neue Wohngebiet rücksichtslos ohne Einbindung in die vorhandene Umgebung geplant. Mit der Planung des Wohngebietes auf dem Geländer der »Alten Molkerei« sind zudem weitere Belastungen für die Bewohner Kassebohms sowohl im bebauten als auch zu bebauenden Gebiet vorherzusehen. Die infrastrukturellen Gegebenheiten (öffentlicher Nahverkehr, Schulstandorte, Verkehrssituation) sind aus unserer Sicht nicht ausreichend für die avisierten Einwohnerzahlen.

Deshalb fordern wir, dass der derzeitige Bebauungsplanentwurf dahingehend überarbeitert wird, den vorhandenen Grünwall vollständig zu erhalten.

Bitte stimmen Sie in der Bürgerschaftssitzung gegen die Annahme des derzeit vorliegenden Entwurfes des Bebauungsplanes Kassebohm »Ehemalige Molkerei« im Interesse der hier bereits lebenden Rostocker Bürger und unter nachhaltiger ökologischer Verantwortung.

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.