Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Nur wer zahlt, wird gelöscht?

12.11.2010, Hans Brand, Banzkow

Es passierte nicht irgendwann im Frühkapitalismus, sondern ist höchstens ein Vierteljahr her, da der Familie Cranick im US-Bundesstaat Tennessee ihr Haus in Brand geriet. Doch ihren Notruf ließ die Feuerwehr verhallen, denn Cranicks waren mit der Versicherungspolice nicht auf dem laufenden. Es handelte sich um 75 nicht gezahlte Dollar.

Schließlich rückte die Feuerwehr doch noch aus, um – die Nachbarhäuser vor einem Übergreifen der Flammen zu bewahren.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 8. Oktober darüber unter der Überschrift: »Nur wer zahlt, wird gelöscht«. - Es hatte über den gewiss auch in den USA nicht alltäglichen Fall dort eine heftige Debatte gegeben über die Zuständigkeiten des Staates. Immerhin!!! Aber der Feuerwehrboss erhielt dennoch öffentlich (a)moralische Unterstützung: Wer nicht zahle, habe kein automatisches Anrecht auf Hilfe.

Und ich spürte Wut auf die Verhältnisse und Mitleid mit Vater Cranick, den die FAZ in Großformat mit leerem Blick (in ihrem Wirtschaftsteil!) »wirkungsvoll« vor seiner noch glimmenden Hausruine zeigte. Und ich dachte so im Stillen, hierzulande könnte das wohl nicht passieren. Und mir kam in den Sinn, dass glücklicherweise meine alte großzügige DDR-Versicherungspolice noch immer gültig ist. Ja, der Staat hatte damals wohl manches überreguliert, aber sonst im Alltag für uns kaum etwas anbrennen lassen. Da hat man also noch so ein Stückchen Sozialismus in seinen Unterlagen. Und ich bilde mir ein, auch das könnte der Dichter Peter Hacks gemeint haben als er schrieb: »Ein bisschen Sozialismus ist besser als kein Sozialismus.«

Hans Brandt, Banzkow

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.