Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Nix Kultura

18.11.2010, Helmut Kruse

Als Eisenbahnpionier bauten meine Kameraden und ich 1943 eine Eisenbahnbrücke über den Dnjestr, einem Nebenarm des Bug bei Nikolajew. Quartier hatten wir in einem Dorf Wodopoi bezogen. Der Ukraine-Sommer war sehr heiß und wenn wir in unserer Freizeit nur Turnhosen oder gar Badehosen trugen, riefen vor allem die Frauen und jungen Damen: »Nemetzki (Deutsche) nix Kultura!« Und wenn ich heutzutage das Fernsehprogramm in den besten Sendezeiten ansehe, dann denke ich manchmal: »Im deutschen Fernsehen nix Kultura«.

Geografische Sendungen, Reiseerlebnisse und Schilderungen über die Tierwelt sind oft sehr gut. Aber es gibt doch eine so große Literatur, die gut verfilmt werden könnte, wie man bisher schon wunderbare Filme geschaffen hat. Unendlich ist der Text und seine Melodie gesetzt aus Sternen.

Es wird zur Zeit viel über die deutsche Sprache diskutiert. Warum hört man bei Konzertsendungen speziell im Gesang fast nur fremde Sprachen? Es gibt sehr viele deutsche Lieder, deutsche Opern und deutsche Opernarien. Selbst in viel geschmähten DDR-Zeiten erlaubte man deutschen Gesang. Walter Felsenstein durfte an der Komischen Oper in Berlin alle Opern mit deutschem Text singen lassen. In der Aula der Rostocker Goetheschule wurden damals oft Konzerte von berühmten Sängerinnen und Sängern gegeben. Fast alle sangen Opernarien und Lieder in deutscher Sprache. Mir ist unvergesslich, wie die aus Schwaan stammende Konzert- und Opernsängerin Hannelore Kuhse ein von Hugo Wolf vertontes Eichendorfflied sang »Grüß dich Deutschland aus Herzensgrund«. Ich bin sehr dankbar dafür, dass man sich wieder der deutschen Sprache erinnert und sie sogar im Grundgesetz verankern will.

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.