Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Nicht alle sind Märtyrer

06.08.2019, Hartwig Wischendorf, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Behauptung stimmt so nicht"
im Schweriner Blitz vom 06.08.2019

Zu »Behauptung stimmt so nicht«, 4. August, Seite 2.

Wie gut, dass es Herrn Dr. Bomke gibt, der bei historisch fragwürdigen Darstellungen in den Leserzuschriften sofort korrigierend einschreitet. Im Falle des getöteten Grenzsoldaten Egon Schultz ist sein Einwand berechtigt. Doch nicht alle Grenzsoldaten, die ihr Leben verloren, sind Märtyrer. Peter Göring starb unter Umständen, die wohl doch etwas anders zu bewerten sind. Sein Tod hängt zusammen mit dem Fluchtversuch des Erfurter Oberschülers Wilfried Thews am 23. Mai 1962, der nach Überwindung der Mauer den Spandauer Schifffahrtskanal durchschwamm und dabei von etwa 10 Grenzsoldaten beschossen wurde. Die Schießerei setzte sich noch fort, als der wehrlose Flüchtling das andere Ufer erreicht hatte. Beim Versuch, den schwerverletzten Thews in Sicherheit zu bringen, kam es zum Schusswechsel mit der Westberliner Bereitschaftspolizei, bei der Peter Göring tödliche Verletzungen erlitt. In der weiteren Darstellung erweckt Bomke den Eindruck – ganz im Sinne der SED – dass die Mauer dem Schutz vor einer Aggression von außen diente. Der Begriff »antifaschistischer Schutzwall« schwebt unausgesprochen über diesem Beitrag. Er beklagt die Aktivitäten von Fluchthilfeorganisationen und verkehrt gewissermaßen Ursache und Wirkung. Fluchthilfe konnte nur gewährt werden, wenn in der eingesperrten DDR-Bevölkerung die Bereitschaft wuchs, den Arbeiter- und Bauernstaat zu verlassen. Einige unternahmen den Versuch, die Mauer zu überwinden. Es versteht sich von selbst, dass diese Opfer des SED-Regimes bei Herrn Dr. Bomke nicht erwähnt werden. Soweit reicht die politische Korrektheit dann doch nicht.

Hartwig Wischendorf, Schwerin

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