Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Nachgehakt

09.10.2018, Haiko Hoffmann, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Nachgefragt"
im Rostocker Blitz vom 07.10.2018

Das von Herrn Statzkowski zitierte Wort von Willy Brandt aus dem Jahre 1973 ist unvollständig. Tatsächlich hat er gesagt: "Dies ist keine, natürlich keine, feindselige Haltung gegenüber ausländischen Arbeitnehmern, aber wir müssen in einer solchen Situation natürlich zuerst an unsere eigenen Landsleute denken."

Das stammt aus einem kurzen Filmschnipsel bei Maischberger im März diesen Jahres. Es ist nur ein Schnipsel aus einer Rede von 1973. Brandt spricht von einer besonderen Situation, d.h. die heftige erste Ölkrise Oktober 1973. Diese hatte unmittelbare massive und schmerzhaften Beschränkungen in der Kraftstoffversorgung zur Folge und brachte eine langanhaltenden Rezession in der Bundesrepublik mit sich und war eine relativ plötzliche massive wirtschaftliche Verschärfung der Situation, die das Land schwer belastete und wirtschaftlich an seine Grenzen brachte.

Man kann diese Aussage von Willy Brandt wie auch von Helmut Schmidt in der Sendung als populistisch oder vergleichbar einstufen, aber der wesentliche Unterschied der Lage damals und heute ist, dass 1973 die wirtschaftliche Stabilität auf dem Spiele stand, während heute die Wirtschaft seit Jahren schon brummt. Was die Verteilung des Vermögens aus der Wirtschaft heute angeht, ob es mit Gerechtigkeit zugeht oder nicht, ist eine andere Geschichte. Diese Problematik ist weitaus älter als 2015 und dauert bis heute an. Heute klaffen tatsächliche wirtschaftliche Lage und das Empfinden diesbezüglich vieler Bürger auseinander, was andere wiederum geschickt zu nutzen wissen und Angst vor der Zukunft schüren, obwohl es statistisch gesehen den Menschen in Deutschland besser geht denn je zuvor. Das kann sicher nicht über die Nöte und Sorgen des Einzelnen hinwegtrösten, aber die Lage ist heute objektiv eine völlig andere als 1973, d.h. im Grunde nicht vergleichbar.

Und was ein Politiker öffentlich sagt, muss nicht immer weise und wohlüberlegt sein. Da kann einer schon mal arg daneben greifen und, wie bei Schmidt deutlich zu hören, allerlei Klischees bedienen. Aus seinem Munde klingen diese Klischees natürlich gewichtig, war er doch Kanzler und auch SPD. Das Alter ist indes keine Garantie für Weisheit. Auch nicht bei politischen Urgesteinen.

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