Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Leserbrief zu: Sohn der Ministerpräsidentin in MV besucht eine Privatschule

11.09.2017, Brigitte Schneider, Warnemünde

Mir ist es völlig egal, auf welche Schule unsere Ministerpräsidentin ihren Sohn schickt. Nicht egal ist mir, dass unser Bildungssystem unerträgliche Mängel aufweist, die sich auf Kinder, die in staatlichen Schulen unterrichtet werden, nachteilig auswirken. Stundenausfälle, Lehrermangel und marode Schulgebäude gehören schon zur Normalität. Aber dass im Schuljahr 2015/16 1.972 Schüler an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen mehr als fünf Tage unentschuldigt gefehlt haben und unserer Bildungsministerin Hesse nichts anderes dazu einfällt, als ein Bußgeld dafür von den Eltern einzufordern, das hat mich sehr verwundert, oder doch eher wütend gemacht.

Wenn während meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrerin in der DDR ein Schüler auch nur einen Tag ohne eine Entschuldigung im Unterricht fehlte, habe ich bei den Eltern an der Tür geklingelt, denn Telefone waren kaum vorhanden. Immer führten Gespräche zu einer Erklärung und verhinderten Schlimmeres.

Wo sind eigentlich die vor einigen Jahren in MV ausgebildeten Schulsozialarbeiter alle geblieben? Meine Tochter gehörte auch dazu. Als das Projekt ausgelaufen war, wurde sie entlassen, weil die Kommune das Gehalt nicht mehr zahlen konnte oder wollte? Das Land hatte sich aus der Beteiligung zurück gezogen. Es sollte zur Pflicht werden, dass alle Schulen mit einer bestimmten Schülerzahl Schulsozialarbeiter haben müssen, denn es gibt viele Sorgen, Nöte und Probleme, die unsere Schulkinder und Eltern heute haben, bei deren Lösung sie Hilfe brauchen.

Es soll in Deutschland ca. 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren geben, die nicht richtig lesen und schreiben können. Zwei Millionen junge Erwachsene sind ohne Ausbildung und Schulabbrecher sind keine Ausnahmen mehr. Das ist alles sehr bedenklich. Die bisherigen Bildungspolitiker haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Ist es nicht verständlich, wenn Eltern nach einer Alternative suchen, vor allen jene, die sich das leisten können, ihre Kinder nicht auf staatliche Schulen schicken zu müssen.

Ich habe viele Freunde, Bekannte und auch Familienangehörige gefragt, warum ihre Kinder eine Privatschule besuchen, obwohl es ihnen schwer fällt, das Geld dafür aufzubringen. Die Antwort lautete immer: Weil diese besser als die staatlichen sind. Auch unserer Ministerpräsidentin unterstelle ich diese Meinung.

Die Chefin des Landesverbandes der Privatschulen in MV, B. Neumann, erklärte: »Freie Schulen sind Produkt der wiedergewonnenen Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern.« Auf eine solche Definition wäre ich nie gekommen, bin ja auch nur in eine DDR-EOS (Erweiterte Oberschule) gegangen. Ich bin der Ansicht, dass Privatschulen zu einer Gesellschaft gehören, in der Bildungsprivilegien normal sind und die Reichen sich bessere Bildung kaufen können. In unserer Demokratie ist nicht nur die Bildung käuflich, sondern auch die Gesundheit, die Krankheit u. a. sind eine Ware geworden. Alles wird vermarktet, was Gewinn bzw. Profit bringt.

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