Mecklenburger Blitz Verlag

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Konzertrezension »Feidman plays Beatles«

07.04.2017, J.-U. Hensel

Eine Soldatin, die virtuos Harfe zupft; ein weltberühmter Einundachtzigjähriger, der »Alle meine Entchen« intoniert; ein Meister jener jüdischen Volksmusiktradition erbittet schüchtern, doch wenigstens ein Klezmer-Stück spielen zu »dürfen« … und all das am 1. April …

Nein – kein Aprilscherz. In der Stralsunder Kulturkirche Sankt Jakobi wurde all dies für etwa 400 Konzertbesucher erlebbare Wirklichkeit.

Mit einem schlichten, fast gehauchten »Schalom!« begrüßt Giora Feidman die Besucher. Ebenso leise und behutsam erklingen die ersten Töne auf seiner Klarinette. Diese Kunst zeichnet ihn aus – nahezu geflüstert aber dennoch hörbar und tonrein. Er spielt Lieder der Beatles. Er spielt diese Lieder der »Fab Four« sozusagen »With a Little Help from My Friends«, zusammen mit einer Cello-Vier, dem Rastrelli Cello Quartett. Ob gezupft oder gestrichen, rhythmisch oder getragen – die (weiß)russischen Cellisten zeigen sich jeder musikalischen Herausforderung gewachsen. »Band-Leader« Feidman lässt sie weitgehend gewähren und freut sich sichtlich mit an ihrer Spielfreude und der verbreiteten Stimmung. Was für manch einen Konzertbesucher den bisherigen Tag prägte, wird hier zu Musik, als »A Hard Days Night« erklingt. Auf seinem Standardinstrument, der Klarinette, spielt er bis in höchste Tonlagen und entlockt ihr bisweilen sogar Tonvibrationen und -variationen, die an Schreie und Kreischen in der Rockmusik erinnern. Für andere Stücke hat er eine Bassklarinette dabei. Die Wechsel der Instrumente gelingen fließend – oft, während die Rastrellis weiterspielen und pausenlos überleiten. Solist und Quartett scheinen sich blind und selbstverständlich zu verstehen. Aber der Eindruck täuscht. Dieses Projekt verlangt akkurate Vorbereitung und Abstimmung; die beeindruckenden Arrangements führen offenbar auch einen Meister seines Faches an Grenzen optimaler Performance. Atmosphärischer Wermutstrupfen dieses Konzertereignisses sind demzufolge die großflächigen Partituren auf seinem Notenständer, hinter denen Feidman fast nicht zu sehen ist.

Dass ihm Starallüren augen- und ohrenscheinlich fremd sind, zeigt Feidman, als sich ein Kleinkind wiederholt lautstark zu Wort meldet. Er greift zur Klarinette und spielt … den Kinderliedklassiker »Alle meine Entchen«. Spontaner Szenenbeifall ist ihm sicher. Nach Demut »klingt« auch seine schüchtern vorgetragene Bitte, doch »wenigstens ein einziges Klezmer-Stück spielen zu dürfen«. Das Publikum »gestattet« es mit begeistertem Beifall. Es erklingt das von Juden weltweit gespielte und die Sehnsucht nach Frieden ausdrückende »Hevenu Shalom Alechem (Wir wollen Frieden für alle)«.

Für ein künstlerisches Sahnehäubchen sorgten zwei »special guests«. Nein – nicht Ringo und Paul sondern Feidmans Enkelin Hila Ofek mit ihrem musikalischen Partner André Tsirlin. Sie spielt Harfe, er Saxophon. Genauer: an diesem Abend Sopranino. Sie verkörpert Anmut und Schönheit, er Kraft und Coolness. Das israelische Jerusalem Duo musiziert zunächst zu zweit (»Let it be«), später mit dem gesamten Künstlerensemble. Dabei kommt es während der Interpretation von »Back In The USSR« zu einem regelrechten Duell zwischen Saxophon und Klarinette. Aber auch die ehemaligen UdSSR-Boys können mithalten bei diesem Liverpooler Rock ’n’ Roll-Klassiker.

Emotionaler Höhepunkt ist der Schluss des Konzertes. Alle Beteiligten finden noch einmal zu einem gemeinsamen Stück zusammen, bei dem der künstlerische Leiter des Rastrelli Cello Quartetts, Kira Kraftzoff, zur Elektrogitarre greift und der Altmeister sogar das stehende Publikum zum »Mitsingen« motiviert: »Hey Jude« mit seinem international einheitlichen Refrain »Na na na nanananaaa«.

Statt Klezmer diesmal Rock und Pop – aber mit Giora Feidman und seinen hochprofessionellen, virtuosen Musikern dennoch oder gerade ein künstlerischer Hochgenuss. J.-U. Hensel

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