Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Konflikte nicht mit Waffen lösen

23.06.2014, Brigitte Schneider, Warnemünde

Ich lege immer wieder das Buch »Die vergessene Generation – Kriegskinder brechen ihr Schweigen« aus der Hand, weil mich meine eigenen Erinnerungen einholen und mich die Emotionen überwältigen. In den Märztagen 1945 standen mein fünf Jahre älterer Bruder und ich plötzlich allein auf der Straße eines Dorfes in Hinterpommern. Meine Pflegemutter wurde beim Einmarsch der Roten Armee erschossen. Die nur noch wenigen Einwohner kümmerten sich nicht um uns, sondern flohen und brachten sich in Sicherheit. Bis zum Spätsommer schlugen wir uns hungernd, verdreckt und verlaust selbst durch, bis uns sowjetische Soldaten regelrecht »einfingen« und uns zu einer Sammelstelle für elternlose herumstreunende Kinder brachten. Ich hatte Glück, denn ich fand eine herzensgute Familie, die mich aufnahm und der ich alles zu verdanken habe: eine glückliche Kindheit, eine umfassende Bildung und die Fähigkeit, auch uneigennützig für Hilfebedürftige da zu sein.

Nie wieder Krieg, diese Forderung begleitete mich fortan und bestimmte auch mein politisches Denken und Handeln.

Wenn heute ein christlicher Bundespräsident sich herausnehmen kann, Deutschland aufzufordern, mehr militärische Präsens in der Welt zu zeigen, um damit Konfliktlösungen zu erzwingen, dann stellt sich mir nicht nur die Frage, welche denn und in wessen Interesse, sondern es macht mich furchtbar wütend. Wollte Herr Gauck nicht auch »Schwerter zu Pflugscharen« umwandeln?

Obwohl ich atheistisch erzogen wurde, hatte ich nie ein gestörtes Verhältnis zu ehrlichen Christen, wenn sie denn nach ihren religiösen moralischen Werten lebten bzw. leben. Wem will der Friedenskämpfer vergangener Zeiten denn heute zum Munde Reden?

Als Kriegskind eines verbrecherischen Deutschlands während der Nazizeit und als leidenschaftliche ehemalige Lehrerin und Pädogogin frage ich mich manchmal, tun wir alle genug für die Erziehung zum Friedenswillen und zur Fähigkeit miteinander zu reden und Auseinandersetzungen mit Toleranz und dem Einsatz unserer wunderbaren Sprache zu regeln? Warum singt man eigentlich nicht mehr die wunderschönen Friedenslieder wie z.B. »Fliege kleine Friedenstaube, fliege übers Land« oder »Frieden brauch ich, bin ein Kind ...«?

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