Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Kinderstube

06.12.2012, Irmengard Bönning

Mein über viele Jahre sehr vertraut gewordener Augenarzt ist »in Rente« gegangen und mit etwas Misstrauen meldete ich mich bei seinem noch unbekannten Nachfolger an. In der jetzt ganz anderen Artzpraxis arbeiten mehrere Ärzte. Dementsprechend voll war das große Wartezimmer. Die Geduld und die Stille der Wartenden wurde nur durch das ständige Hin- und Herrennen der sehr jungen Schwestern unterbrochen. Die Situation war neu, fremd und ganz anders als vorher.

Die »junge Dame«, die die Aufgabe hatte, erste Untersuchungen durchzuführen, schien gelangweilt zu sein. Ich war an diesem Nachmittag wahrscheinlich ihr schon xter Patient und nur noch eine »Routine«-Person für sie. Und während sie ihren Kaugummi kaute und ein Gespräch mit einer hinzugekommenen Kollegin führt, versuchte ich, die großen und kleinen Zahlen zu erkennen und ihr vorzulesen.

Der ebenfalls sehr junger Arzt führt eine äußerst sorgfältige und gründliche Untersuchung Durch. Er hatte Zeit für den xten Patienten. Mein Problem mit der Schwester hat er vielleicht belächelt oder er sah es wahrscheinlich auch mit den Augen der Jugend.

Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Hause. Meinem Sitzplatz gegenüber waren zwei Plätze frei. Ein ordentlich und sauber aussehendes Mädchen setzte – nein, »lümmelte« sich der Länge nach über die zwei Plätze, ließ die Beine in den Gang hinein »baumeln« und »spielte« danach bis zum Ausstieg sehr intensiv mit seinem Handy.

In meiner Wohnung angekommen fragte ich mich: Was war geschehen? Eigentlich gar nichts. Ich hatte lediglich die gute, alte Kinderstube vermisst.

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