Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Kauderwelsch

27.06.2016, Dr. sc. habil. Klaus Wirth, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Es war einmal"
im Schweriner Blitz vom 27.06.2016

Zu »Es war einmal«, Blitz vom 19. Juni.

Mit Kauderwelsch meine ich nicht die Sprache der Rätoromanen aus dem Rheintal von Chur, ich meine jene Sprache, die schwer akzeptierbar ist, wenn ungenau mit Zitaten umgegangen wird (ich meine hier auch nicht die Dissertationen von Politikern hohen Rangs). Die Staatsform der DDR war die demokratische Republik, die Regierungsform die Volksdemokratie mit leicht wachsendem demokratischem Zentralismus. Schon in der verwendeten Begrifflichkeit entstehen Missverständnisse bei nicht übereinstimmenden Zeichensystemen.

Eine relevante Ursache – um Irrtümer Freuds einmal auszulassen – besteht darin, wenn das Sachohr überfordert ist und die Person auf das Beziehungsohr umschaltet. Dies kann nun wiederum daher rühren, dass sprachlich benanntes Denken nur so scharf ist, sie im Gedächtnis strukturelle Verknüpfungen unterschieden werden. Feinere Sachverhalte können dann nicht mehr diskutiert werden, weil eben diese Gedächtnisstruktur die Differenziertheit nicht mehr zu unterscheiden gestattet – so die Kognitive Psychologie.

Drittursächlich mag es an den zwei gegensätzlichen Philosophien vs. Ideologien, vs. Glauben liegen. Wenn es darum geht, »Lasst die Tote ruhen« sind nicht die Toten gemeint, sondern hic die DDR oder die Diktatur des Proletariats – zum Nachdenken.

Schlimm wird der Disput, wenn aus fehlender Diskrimination dem beantworteten Schreiber unterstellt wird, er verfüge nur noch über Zynismus in seiner Darlegung. Da es sich hier nicht um den Hundedresseur handeln kann (dem Kyniker, abgeleitet daraus die antike griechische Philosophenschule), wenn darunter aber eine zulässige gewisse »Bissigkeit« begriffen wird, dann erlaube ich mir, ab und an solche Wendungen zu nutzen. Sprache soll nicht nur Meinungen mitteilen, sondern auch Wirkung hinterlassen!

Bedauerlich ist es, wenn der Antwortende eine Weisheit aus Mangel an Beweis ankreidet und im folgenden Satz selbst eine Definition als unsinnig erklärt – ohne ein beweisendes Argument. Kauderwelsch stellt sich die Zitierung von Lenin, den Akademiemitgliedern und mir dar. Penetrant wird es, wenn Gedanken exegetisch gar im Zitat verfälscht werden: Brechts Worte, »Der Schoß ist fruchtbar noch ...« der, aus dem kommunistische Idee geboren wurde? (Nun ja, Gott sei dank! Sie ist es noch, teils auch in der Befreiungstheologie.) – Nein, Brecht signifizierte den deutschen Faschismus in nachfolgender Zeit (auch mit Gedanken an Hiroschima). Wie lautete der Schriftzug auf dem Transparenthintergrund zur Antrittsrede Hitlers? »Der Marxismus muss sterben, damit das deutsche Volk leben kann!« Es starben brachial (oder wurden ermordet) am Ende mehr als 60 Millionen Menschen verschiedener Völkerschaften; negatives Resultat großbürgerlicher »Freiheit«. Ich schließe mit 2. Timotheus 4,4: »Sie werden die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren.« Und mit Brechts »Galilei« (9. Szene; 1609 Prof. an der Universität zu Padua): »Wer die Wahrheit nicht kennt ...« zum Bedenken.

Dr. sc. habil. Klaus Wirth, Schwerin

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