Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Irrtum – wir waren genauso

11.03.2015, Karlheinz Schmidt, Rostock

Sie sitzen im Wartesaal und lesen Zeitung. Plötzlich wird die Tür aufgerissen und herein stürmt eine Schar halbwüchsiger Jungen und Mädel. Lachend und schreiend stürzen sie zu einem der Tische. Dabei balgen sie sich um die Plätze, obwohl genug vorhanden sind. Ungeschickt, wie 15-Jährige nun einmal sind, stößt einer der Jungens gegen einen Stuhl, der natürlich auch prompt krachend umfällt. Für die übrigen Jugendlichen ist das ein Grund, in eine neue Lachsalve auszubrechen.

Es scheint überhaupt nichts zu geben, worüber diese Halbkinder nicht schallend lachen müssen. Sie reden laut und alle zugleich. Ihr Lärm erfüllt den ganzen Raum. Aber sie sind nicht ungezogen. Sie belästigen keine der anwesenden Personen. Nur albern und übermütig sind sie, wie Fohlen auf der Weide. Unbekümmert in ihrer geräuschvollen Lebensfreude und von uns Älteren sind sie ein kleines bisschen zu beneiden.

Leider empfinden das nicht alle unsere Mitmenschen so. Schon hört man die verärgerte Stimme eines älteren Herren, der sich über die »Halbstarken« empört.

Natürlich findet er Unterstützung bei den anderen. Von allen Seiten kommen nun Proteste: »Rausschmeißen«, »Hinter die Ohren schlagen« und was eben so in derartigen Fällen gesagt wird. Selbstverständlich: »Zu unserer Zeit gab es das nicht.« Oder: »Wir waren ganz anders!« Irrtum – wir waren genauso.

Auch wir steckten voller unbändiger Freude und voller ungezügelter Kraft. Auch wir benahmen uns nicht stets so, wie es die Rokokokavaliere taten. Wir haben das nur vergessen – und sollten uns doch daran erinnern. Statt zu schelten, statt intolerant und pauschal zu urteilen, sollten wir lieber mit der Jugend fröhlich sein und dadurch selber – wenn auch für wenige Minuten vielleicht– wieder jung werden.

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