Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Hohe Verantwortung muss honoriert werden

25.08.2014, Brigitte Schneider, Warnemünde

150.000 Ärzte und Psychotherapeuten verhandeln mit den Krankenkassen über die Vergütung. Fünf Milliarden Euro mehr als bisher sollen es für 2014 werden. Wenn die Information stimmt, dass niedergelassene Ärzte 2011 nach Abzug aller Praxiskosten einen Überschuss von ca. 166.000 Euro hatten und in den nachfolgenden Jahren weitere Honorarerhöhungen hinzu gekommen sind, so ist das sicher auch angemessen gewesen, muss aber nicht zwangsläufig so weiter gehen. Ich habe großen Respekt vor den Ärzten und bin durchaus der Meinung, dass für überdurchschnittliche Verantwortung auch eine überdurchschnittliche Bezahlung der Leistungen gerechtfertigt ist. Da es schließlich das Geld der Versicherten, also auch mein Geld ist, das zu einem nicht unerheblichen Teil in Honorare umgewandelt und verteilt wird, sollte man auch stärker die Patienten in die Entscheidungsfindung bei Honorarerhöhungen einbeziehen.

Seit über 40 Jahren bin ich selbst chronisch krank und habe dadurch Ärzte verschiedener Fachrichtungen und mit unterschiedlichen menschlichen Stärken und Schwächen kennen gelernt. Als langjährige ehrenamtliche Geschäftsführerin bzw. Vizepräsidentin einer Patientenselbsthilfeorganisation in MV kenne ich unendlich viele Berichte über Mängel, Fehler, Unfreundlichkeiten u.a. Unzulänglichkeiten bei Ärzten im Umgang mit Patienten, die zwar in erster Linie dem Gesundheitssystem in unserer Gesellschaft anzulasten sind, aber auch mit dem Mensch Arzt etwas zutun haben. Wie alle anderen will auch er auf dem Markt die höchstmöglichen Preise für seine Ware, medizinische Leistung, erzielen. Das kann man den Ärzten doch nicht verübeln, angesichts der Tatsache, dass ein kleines niedliches Modell mit entsprechender »Körperbegabung« ein jährliches Einkommen in Millionenhöhe erzielen kann und Fußballer für ihr sportliches Talent zu ähnlich hohen Summen ge- und verkauft werden. Wenn ein Arzt die Zeit nicht mehr hat, um mit dem Patienten über dessen Problem zu sprechen, weil er diese nicht angemessen von den Krankenkassen bezahlt bekommt, dafür aber alle anderen Aktionen, ob sinnvoll oder nicht, abrechnen kann, dann gefährdet das die vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Arzt. Wo bleibt dann auch die wichtige Voraussetzung für den Behandlungs- und Heilerfolg, die ganzheitliche Betrachtung und Behandlung des Kranken? Der Patient wird immer mehr zu einer ökonomischen Kategorie. Und das widerspigelt sich nicht nur in den Verhandlungen um immer höhere Honorare der Ärzte und um Einsparungen bei der Versorgung der Patienten durch die Krankenkassen.

Die BRD soll eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben, aber was haben die Kranken davon, wenn sie einen neuen Hausarzt finden oder wenn sie dringend einen Facharzttermin haben müssen, um zeitnah und auch kostensparend behandelt zu werden? Glücklich kann sich der schätzen, der durch das patientenfreundliche Engagement seines Arztes zu einer rechtzeitigen fachärztlichen Betreuung bzw. Begutachtung kommt.

Möge in den anstehenden Verhandlungen mit den Krankenkassen die »sprechende Medizin« höher honoriert werden, dann kann der Arzt sich dem kranken Menschen mit mehr Aufmerksamkeit und helfender Aufklärung zuwenden. Wäre es nicht auch möglich, dadurch an anderer Stelle Einsparungen zu erreichen?

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.