Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Hirngespinst

27.10.2016, Heinz Seidler
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Leserbrief »Geldgier«"
im Rostocker Blitz vom 23.10.2016

Hallo Frau/Herr B. Schreiber! War da in Ihrem Leserbrief etwa Stolz zu hören, dass frühere Studenten Ihnen als damaligem Dozenten Ihren marxistisch-leninistischen Darlegungen heute rechtgeben? Immerhin sind Sie einer von denen, die gegen Entlohnung massiv M-L verbreitet haben, auf dessen Grundlage die DDR – und nicht nur die –zugrunde gerichtet wurde. Die ideologischen Voraussetzungen entsprachen nämlich nicht den Tatsachen.

Zum besseren Verständnis gesellschaftlicher Vorgänge teilt man eine Bevölkerung in Klassen ein, Marx und Engels legten dabei den Schwerpunkt völlig auf die Ökonomie und den Besitz an Produktionsmitteln, Erdboden und Kapital. Dabei befänden sich die heute übergreifend als Arbeit und Kapital benannten Klassen wegen der Gegebenheiten und der gegensätzlichen Interessen laut M-L im ständigen Klassenkampf.

Verstehen Sie Deutsch? Kampf geht immer nur um etwas, was man nicht hat, was man hat, muss man nur noch verteidigen. Worum wird eigentlich gekämpft? Um die höchste Entscheidungsebene im Staat, um die Hoheit über die Staatspolitik. Mit der kann man tiefgreifende, verbindliche und für jedermann geltende Regeln festgelegen, selbst hinsichtlich Besitz (wie z. B. durch Enteignung von Betrieben, Zwangskollektivierung) und persönlicher Freiheitsgrade (siehe Mauerbau, Reiseverbot, Bildungs- bzw. Berufsverbot wegen fehlender Parteizugehörigkeit). Die M-L basierten Parteien hatten in den sozialistischen Ländern diese Entscheidungsebene zwar errungen, kämpften jedoch immer weiter gegen den »inneren und äußeren Klassenfeind«.

Mit neu errungener Hoheit will man einen schnellen, grundlegenden und nachhaltigen Wechsel der Staatspolitik herbeiführen, was Revolution genannt wird. Diese Umwälzung ist diktatorisch – d. h. wörtlich: keinen Widerspruch duldend – zu vollziehen. Zur Sicherung des Staates und dessen ökonomischer Basis ist in diesem Zeitabschnitt auch die Staatsmacht diktatorisch zu handhaben, das ist der Sinn des Begriffs »Diktatur des Proletariats«, wenn diese Klasse in die höchste Entscheidungsebene gelangt ist, und nicht eine dauerhafte Diktatur als Staatsform.

Eine klassenlose Gesellschaft wäre erreicht, wenn die Merkmale einer jeden Klasse verschwunden sind, nach M-L-Definition die ungleichen Anteile an Besitz, die ungleiche Stellung im Produktionsprozess, in der Organisation der Arbeit usw. Chaos komplett, denn so ist keine Gesellschaft überlebensfähig.

Diese Überlegungen hätten Sie als M-L-Dozent selbst machen müssen, Ihre Aufforderung war doch immer: Studiert die »Klassiker«! So erwies sich das von Ihnen im Brustton wissenschaftlicher Unfehlbarkeit verbreitete Modell einer künftigen Gesellschaft tatsächlich nur als für die Führung eines Staates untaugliches Hirngespinst. Ich biete Ihnen einen ausführlicheren Vortrag an, damit Sie sich die Arbeit des Studierens der »Klassiker« ersparen können, und das ist nicht böse gemeint.

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