Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Hilfe für in Not Geratene unabdingbar

23.03.2015, Brigitte Schneider, Warnemünde

In diesen Tagen und Wochen habe ich mich intensiver und öfter an die Zeit meiner schwersten Kindheit erinnert. Es war Herbst 1945 als ich mit einem Kindertransport aus dem heutigen Hinterpommern in Polen nach Westmecklenburg kam. 86 elternlose Kinder im Alter von 1 bis 16 Jahren suchten eine Unterkunft in einem kleinen Dorf, um einigermaßen schlafen zu können, um endlich einmal wieder warmes Essen und körperliche Pflege gegen Schmutz, Krätze, Leib- und Kopfläuse zu bekommen. Ein provisorisches Kinderheim wurde im Saal der Dorfgaststätte eingerichtet und einige Kinder wurden in Familien untergebracht. Meine spätere Pflegemutter hatte selbst zwei Jungen im Alter von 10 und 17 Jahren und ihr Mann war noch nicht wieder nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges nach Hause zurück gekehrt. Mein großes Glück war die liebevolle Zuwendung von Menschen, die selbst nicht viel hatten und nicht satt wurden, aber trotzdem sich um uns Flüchtlingskinder kümmerten und sorgten. Ich habe das alles nicht vergessen. Traurig und wütend macht mich deshalb die Tatsache, dass es Menschen unter uns gibt, die angesichts der großen Flüchtlingsströme in unser relativ reiches Deutschland Hass gegenüber unschuldig in Not geratene schwache Menschen schüren und Gewalt gegen sie anwenden. Umso erfreulicher sind solche Nachrichten darüber, dass die Anständigen sich immer mehr zu Wort melden und auch Hilfen und Unterstützung anbieten. So gilt den Bützower Bürgern, die sich schützend vor ein Asylbewerberheim stellten, meine Anerkennung und mein Respekt. Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, gesät und gewachsen auf deutschem Boden, haben in der Vergangenheit schon einmal Millionen Menschen das Leben gekostet. Dass die Brut noch fruchtbar ist, erleben wir leider gegenwärtig. Bedauerlich ist auch, dass zu viele Menschen, denen es wirklich nicht gut geht, und die, denen es gut geht und die trotzdem nicht zufrieden sind, glauben, die Flüchtlinge und Ausländer seien Schuld daran. Es gibt viele soziale Unzulänglichkeiten in unserem Land, für die nicht zuletzt die politisch Verantwortlichen zuständig sind. Mit einer gerechteren Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums kann viel verändert werden. Ich verkenne die Schwierigkeiten nicht, die bei der Unterbringung, Betreuung und Integration der zu uns geflohenen Menschen zu bewältigen sind. Wenn es nicht zu viele bürokratische Hürden geben würde, könnten vorübergehend auch in meiner Wohnung eine schwangere Frau oder eine Mutter mit einem Kind wohnen.

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