Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Gorch-Fock - ein Politikum

04.01.2019, Rüdiger Christoph, Stralsund

Im August 2014 ließ der Stralsunder OB für den Kauf der »Gorch Fock I« von dem Ingeneursbüro Lackner für die stattlich Summe von 100.000 Euro ein Gutachten anfertigen,welches auswies, dass für die Reparatur des Schiffes eine Summe von etwa sechs Millionen Euro benötigt werden (4,4 Millionen für die Schwimmfähigkeit und 1,5 Millionen für die Seetüchtigkeit). Wir wollen nicht pingelig sein und sagen zehn Millionen Euro.Wenn jetzt in einer Zeitung die Reparatursumme der »Gorch Fock« von der Bundesmarine mit 135 Millionen Euro€ offeriert wird,dann ergibt sich doch die Frage: Warum konnte man beide Schiffe nicht austauschen? Zugegeben ein bißchen Luxus hätte man der alten »Gorch Fock I« noch gönnen können. Sagen wir für 20 Millionen Euro. Dann liegen wir immer noch bei 30 Millionen.

Für den vorgesehen Einsatz sind beide Schiffe gleichwertig, auch das Feindbild ist identisch - Abrostung und Korrossion.

Oder ist das Gutachten der »Gorch Fock I« geschönt worden? Ein sogenanntes Gefälligkeitsgutachten? Das würde auch erklären, dass die Nutzung eines desolaten Schiffes für die Bundesmarine nicht zumutbar ist.

Auf jeden Fall sind hier wieder Steuergelder verschludert worden. Der Fall reiht sich nahtlos ein in die spektakulären Ereignisse der letzten Zeit - da versank eine Autobahn im Modder; fahren S-Bahnzüge unbesetzt zum Zwecke der Belüftung durch ungenutzte Bahnhöfe; werden PKWs mit modifizierter Software ausgerüstet; muss die Kanzlerin mit einer ausländischen öffentlichen Fluggesellschaft nach Argentinien fliegen.

Das treibt einem die Schamröte ins Gesicht. Man fragt sich, wo liegen die Ursachen dafür, dass »Made in Germany« so rasant abstürzt?

Haben bei der Auswahl von Führungspersonen politische Aspekte einen höheren Stellenwert als fachliche Kompetenz? Mir erscheint das so.

Ist das Abtauchen in die kollektive Verantwortung, die einen Bezug auf den Einzelnen und somit auch die Bestrafung einer Person unmöglich macht, eine Ursache? Meines Erachtens ist die zunehmende Verschmelzung von Politik und Wirtschaft ein wesentlicher Faktor für diese Zustände. Man sollte endlich dazu übergehen, die fachliche Kompetenz als ein Kriterium für die Übernahme einer leitenden Funktion in den Vordergrund zu stellen. Politiker, die über ein Plagiat zu ihrem Doktortitel gelangt sind oder über einen erfolgreichen Abbruch der zehnten Klasse zu gesellschaftlichem Ansehen gelangten, sollten ihr Mandat zurückgeben.

Rüdiger Christoph, Stralsund

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