Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Geht es noch ein bissel weniger?

19.10.2016, Martina Plischka, Plau am See

Aufruf zu einer Petition für den Einsatz von Ehrenamtlern zugunsten der notleidenden Wirtschaft hierzulande – oder: Geht es noch ein bissel weniger?

Die Sache hat einen für mich aktuellen und ernsten Anlass: Nach meinen hinreichenden Erfahrungen kommen Meldungen über die Not leidende Wirtschaft hierzulande leider zu kurz. Es ist schon alarmierend, wenn man dies als Bewerber wieder einmal bei einem Bewerbungsgespräch entdecken muss: Die Geschäftsinhaberin machte einen netten Eindruck und fragte nach einer Weile der Plauderei, ob man es sich denn vorstellen könnte, in dieser fremden Branche zu arbeiten? Ich bejahte dies und äußerte, dass ich mich glücklich schätzen würde, in dem Geschäft zu arbeiten. Die Inhaberin fragte, ob ich Probleme hätte, die andere Wochenhälfte in das 30 km entfernte andere neue Geschäft zu fahren. Ich verneinte dies, einen Wagen benötigte ich ohnehin, es gibt mangels Nahverkehr keine Alternative zum Auto.

Samstagsarbeit, Ware einräumen, Dekoration, sowie die Ladenreinigung während der Geschäftszeiten gehören mit zum Job, erfuhr ich. Eine teure Reinigungskraft, die sei nicht drin. Gut, auch kein Problem. Die Inhaberin seufzte, erzählte, dass die Kosten steigen, nur am Personal könnte man noch sparen. Sie fragte nach dem Gehaltswunsch. Ich dachte bei mir, das altbekannte Thema. Vorsichtig geworden fragte ich, was sie denn bereit sei zu zahlen. Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: Nicht mehr als den Mindestlohn, 8,50 Euro. Das kannte man: Egal, wie gut oder schlecht jemand qualifiziert ist: Vom ungelernten Gelegenheitsarbeiter bis zum bestens ausgebildeten Bewerber, alle erhalten den Einheitslohn, zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Die Chefin fragte weiter, sagte, dass sie möchte, dass ihre Mitarbeiterinnen die Kleidung aus dem Shop tragen. Ihr geschulter Blick fiel auf meine Bluse und sie tippte auf die Herstellerfirma. Ich bestätigte diese Vermutung und sie sagte, dass diese doch schon seit längerer Zeit dicht gemacht hätte. Sie lege Wert darauf, dass die Mitarbeiterinnen immer up to date mit den Sachen aus dem Shop gekleidet seien. Die Sachen wären selbstverständlich günstiger als im Laden. Ich überlegte hektisch, wie ich es bei diesem Stundenlohn und immensen Fahrkosten noch hinbekommen sollte, mir die hochpreisigen Kleidungsstücke des Ladens zu leisten. Da benötigte ich schon alleine zwei Monatsgehälter nur für die Grundausstattung. Die Kunden würden es gerne sehen, wenn die Verkäuferinnen die Kleidung aus den Kollektionen tragen, erzählte sie weiter. Ob ich hier denn Leute kennen würde, viele Stammkunden kämen wegen der Verkäuferinnen. Hier musste ich leider verneinen. Dann fragte sie mich, ob ich beim Arbeitsamt gemeldet sei, dann bekäme sie für mich als Ü-Fünfzigjährige eine finanzielle Unterstützung. Bei der Verabschiedung sagte sie, dass ich für zwei oder drei Wochen zum kostenlosen Probearbeiten kommen sollte, damit sie sähe, ob die Zusammenarbeit auch klappt. Schließlich benötigte man eine längere Einarbeitungsphase außerdem könnte ich beim aufwendigen Umzug in den neuen zweiten Shop helfen. Darauf ich: Warum? Ob es klappt, das sähe man doch bereits nach einem Tag. Sie schwieg. Wir verabschiedeten uns.

Offenbar geht es doch nicht allen Unternehmen super gut in diesem Wirtschaftswunderland, um das uns alle beneiden. Deshalb für mich einmal die Anregung an die Bundesregierung, die viel beschworenen Ehrenamtler auch zum längerfristigen, kostenlosen Einsatz in die Betriebe einzusetzen. Die Firma Krupp ist seinerzeit nicht ohne Grund zu einem Giganten herangewachsen. Außerdem geht es bei den Gehaltsverhandlungen nicht länger zu wie auf einem orientalischen Basar. Da weiß doch jeder, was er hat oder nicht hat, oder???

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