Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Gegen Verunglimpfungen wehren

26.04.2012, A. W.

Ich wurde in der DDR geboren, bin in ihr aufgewachsen und habe leider »nur« 36 Jahre in ihr gelebt und ich habe lieber in ihr gelebt als in der heutigen BRD, obwohl ich weder SED-Mitglied noch Stasimitarbeiter war, sodern einfach nur ganz normaler DDR-Bürger und Christ.

Als solcher empfinde ich die von offizieller Seite betriebene so genannte Aufarbeitung der DDR-Geschichte als bewusste Verhöhnung und Missachtung der Lebensgeschichte und der Le- bens­leistung vieler Millionen DDR-Bürger. Ich will gar nicht behaupten, dass alles, was über die DDR im Rahmen der Aufarbeitung behauptet wird, falsch ist. Es ist ganz einfach nur ein Bruchteil von dem, was das Leben in der DDR tatsächlich ausmachte.

Die Aufarbeitung beschränkt sich fast ausschließlich auf Stasi, Mauer, Mangel an bestimmten Waren und angeblicher Unterdrückung der Bevölkerung. Jüngstes Beispiel sind die Zwangsmaßnahmen und die Ge­walt in den Kinderheimen der DDR. Ich habe mit mehreren ehemaligen Kinderheiminsassen gesprochen: Nichts von dem Behaupteten haben diese Menschen erlebt (aber wenn in kirchlichen Heimen der alten BRD Kinder vergewaltigt wurden usw., muss es so in DDR-Heimen natürlich auch gegeben haben). Es sollen nunmehr sogar Anlaufstellen für Schadenersatzansprüche von DDR-Kinder-Opfern geschaffen werden.

Kann mir bitte jemand die Meldestellen für die Opfer der BRD-Politik nennen; für die Hartz IV-geschädigten Männer, Frauen und Kinder, für die trotz Vollzeitbeschäftigung in Armut lebenden Menschen, für die in Altersarmut lebenden Menschen, für die Angehörigen der in Afgha­nistan getöteten Soldaten, für die durch die »kleine-Leute-feindliche« Politik (z.B. geplante Abwasserregelung in den Kleingartenanlagen; immer drastischer steigende Energiepreise ...), für die jugendlichen Opfer der völlig verfehlten Schulpolitik usw.

Aber wir haben gelernt, Angriff ist die beste Verteidigung. Also je mehr die DDR angegriffen wird, umso mehr haben die Angreifer zu vertuschen. Zur Aufarbeitung gehört, dass die Mieten in der DDR sehr gering waren, dass die Grundnahrungs- mittel billig waren, dass ein Werkküchenessen 1 DM kostete, dass die Energiepreise (Strom, Heizung, Kraftstoff) und Wasser/Abwasser im Vergleich zu heute fast gegen 0,00 DM tendierten, dass Frauen einen bezahlten Haushaltstag pro Monat bekamen, dass Arbeiterberufsverkehr völlig kostenlos war, dass es auch auf den Dörfern Verkaufsstellen und Kindereinrichtungen gab, dass wir mit sehr viel geringerer Angst vor Kriminalität und Vandalismus leben konnten usw. usw. Konnten wir nicht Eingaben und Beschwerden an den Staatsapparat schreiben, ohne dass wir dafür bestraft wurden, wie es den BRD-Bürgern heute ständig sugeriert wird?

Ich wünsche mir sehr, dass die ehemaligen DDR-Bürger sich endlich gegen die Verunglimpfung ihrer Leistungen, ihrer Identität und ihres ganzen Lebens zur Wehr setzen. Wir haben keinerlei Grund, uns vor den Brüdern und Schwestern in der Alt-BRD zu verstecken, auch wenn wir nach über 20 Jahre Wiedervereinigung immer noch als Menschen zweiter Klasse behandelt werden.

Hier können Sie Ihre Leserbriefe online aufgeben

Bitte beachten Sie, dass wir uns das Recht vorbehalten, im Falle des Abdruckens in der Zeitung, Textpassagen zu kürzen oder nachträglich zu ändern.