Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Fragen erlaubt

02.09.2019, Haiko Hoffmann, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Fragen erlaubt?"
im Rostocker Blitz vom 01.09.2019

Er wurde gefragt, ob die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn bestimmte Dinge nicht oder anders geschehen wären.

Davon kann man wahrscheinlich ausgehen. Auch wenn diese Frage rein spekulativ ist, so wäre es sicher hochinteressant, was dann gewesen wäre. Dann wäre womöglich nicht einmal der Krieg ausgebrochen?

Da aber Geschichte nicht rein objektiv geschieht, nicht wie ein nicht zu beeinflussendes Gesetz ist, dem wir machtlos unterworfen sind, glaube ich zugleich, dass ein entscheidender Faktor des Geschehenen die Absichten der Nazis waren, am liebsten die ganze Welt zu erobern und die eroberte Bevölkerung je nach Nazi-Weltbild zu vernichten oder zu versklaven. Wenn Gleiwitz oder die appeasement policy oder der Hitler-Stalin-Pakt etc. nicht gewesen wären, hätten die Nazis sich höchstwahrscheinlich etwas anderes gesucht. Anlässe, politische Ränkespiele, Erpressung und offene Drohungen gab’s zuhauf. Autokratische und extrem nationalistische Regimes waren Verbündete. Und der staatlich-juristisch-exekutiv zementierte Rassismus musste ja umgesetzt werden. Dafür haben sie ein ganzes Volk in diese Denkrichtung gelenkt, dessen Ausprägungen noch heute zu spüren sind. Und diese Denkrichtung ist längst wieder salonfähig, inzwischen auch in des Volkes Mitte wieder sichtbar und nicht nur am äußersten rechten Rand. Es ist erschreckend, wie viele Menschen trotz der schlimmen Vergangenheit dieses Volkes sich erneut Gedankengut öffnen, welches am Ende so viel Leid gebracht hatte. Denn Menschen sind auch heute in der Lage, schlimmste Dinge zu tun, unter Ausschaltung von Menschlichkeit anderen Leid zuzufügen und es selbst als gerechtfertigt zu erachten, wenn sie nur tief und nachhaltig genug indoktriniert sind. Die Angst vor den Deutschen wächst jenseits unserer Grenzen bereits wieder. … Hass ist ein ebenso starkes Gefühl wie Liebe. Aus Hass aber kommt nie Gutes.

Und hier kommt es auf uns an, dass wir anerkennen, dass auch die NS-Zeit Teil unserer Geschichte ist, der wir uns ohne Wenn und Aber zu stellen haben. Es geht nicht darum, dem deutschen Volk von heute Schuld zuzuweisen. Es geht darum, die Lehren der Geschichte zum Leitfaden des Handelns in die Zukunft zu machen, dass so etwas nie wieder geschehe. Unsere Verantwortung bleibt bestehen. Schuldige von damals sterben langsam aus. Aber die Massenmorde, das Leid der Völker, die verwüstete Erde, … all das ist geschehen, nicht rückgängig zu machen, nicht relativierbar und nicht wegzureden. Ich glaube nicht, dass wir einer Zwangsentschuldigung unterliegen, wohl aber dazu stehen müssen, das Unvorstellbare aber dennoch Passierte als unser Geschichtserbe zu tragen. Der einzig richtige Weg, um nicht nur gesenkten, schamvollen Hauptes dastehen zu müssen, ist, erhobenen Hauptes aktiv danach zu trachten, dass solch extreme Entmenschlichung, wie in der Hitler-Zeit, nie, NIE wieder geschehe.

Hass durch Liebe ersetzen ist das Rezept.

Mit Gottes Hilfe.

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