Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Etwas über geschichtliche Wahrheiten

03.03.2016, Thomas Eck, Rostock
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Die schwierige Sache mit der Wahrheit"
im Rostocker Blitz vom 28.02.2016

Zum Leserbrief von R. Hubert, BLITZ vom 28.02.

 

R. Hubert fordert in seinem/ihrem Brief, geschichtliche Wahrheiten nicht permanent und wider besseres Wissen zu ignorieren. So weit, so gut.

 

Dazu mahnt er (bzw. sie) die bitteren Erfahrungen des 20. Jahrhunderts an. Nur: Waren diese denn allein auf Sozialismus zurückzuführen? Ist R. Hubert etwa nicht bekannt, daß der erste Weltkrieg nichts mit Sozialismus, aber alles mit Kapitalismus und der grenzenlosen Gier nach immer mehr Macht, Profit und imperialer Vorherrschaft zu tun hatte? Und der zweite Weltkrieg mit einer von Hochfinanz und Großkapital geschaffenen und bezahlten üblen Kreatur namens Faschismus? Ganz offensichtlich fangen für R. Hubert die Tragödien menschlicher Geschichte erst im 20. Jahrhundert mit dem Auftauchen des Sozialismus an. Denn die historischen Erfahrungen der Menschheit in den vielen Jahrhunderten zuvor (mit Versklavung, kolonialer Ausplünderung ganzer Kontinente, zahllosen Kriegen, Armut, Hunger und Not - während der Adel den von anderen produzierten Überfluß verpraßte und Aufstände brutal und grausam niederschlug) übersieht er geflissentlich. Dabei war all dieses Elend überhaupt erst der Anlaß, daß Menschen mit sozialem Gewissen anfingen, über bessere Alternativen des gesellschaftlichen Zusammenlebens nachzudenken. Ich empfehle als Lektüre Friedrich Engels: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" von 1845 oder gern auch Victor Hugo: "Les Miserables" (Die Elenden) von 1862. Letzteres Werk erfährt gerade als Musical bzw. Spielfilm (2012) weltweit eine bemerkenswerte Renaissance. Warum wohl? Könnte das vielleicht an der Banken-/Finanz-/Euro-/Terror-/Flüchtlings-/Sonstwas-Krise liegen und der Tatsache, daß die grenzenlose Gier der "Eliten" bis heute die Politik bestimmt?

 

Andererseits tut R. Hubert so, als sei das, was sich insbesondere mit, durch und nach Stalin unter dem Etikett "Sozialismus" entwickelte, genau das gewesen, was den Vorkämpfern des gesellschaftlichen Fortschritts im 17. bis 19. Jh. vorschwebte. Welch grandioser Irrtum. Und was den Besitz der Produktionsmittel anbelangt: Man kann der DDR alles Mögliche vorwerfen, teilweise auch zu Recht. Doch daß die großen Betriebe Volkseigentum waren und dadurch mit ihren Gewinnen die sozialen Leistungen des Staates mitfinanzierten, ohne daß den Bürgern hierfür Steuern abgeknöpft werden mußten, gehört mit Sicherheit NICHT dazu.

 

Vielleicht hat R. Hubert aber einfach Angst, eine gerechter organisierte Gesellschaft könne ihm irgend etwas an Lebensqualität kosten? Dann empfehle ich, den britischen Mathematiker, Philosophen und Nobelpreisträger Bertrand Russell zu lesen. Der wies schon 1953 in seiner Schrift "The Impact of Science on Society" (Die Auswirkung der Wissenschaft auf die Gesellschaft) nach, daß die erheblichen Verbesserungen an Lebensqualität, die die Menschheit in den vergangenen 200 Jahren erfahren hat, nichts mit Kapitalismus, aber sehr viel mit dem wachsenden Einfluß wissenschaftlicher Forschungsmethoden auf die Produktion zu tun haben.

 

Thomas Eck

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