Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Es gibt andere Literatur

13.01.2016, Brigitte Schneider, Warnemünde
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Leserbriefe »Das ist entbehrlich« und »Geistiger Wahnsinn«"
im Rostocker Blitz vom 10.01.2016

Den Leserbriefen von Dr. H. Bomke und K.-H. Fehrmann in der BLITZ-Ausgabe vom 10. Januar 2016 über die Verwendung des neu verlegten Buches »Mein Kampf« als Lehrstoff in der Schule, kann man nur voll zustimmen. Und ich bin der Redaktion sehr dankbar dafür, dass Meinungen, die so offen und eindeutig gesellschaftliche Zustände und beabsichtigte politische Entscheidungen kritisieren, veröffentlicht werden.Das ist durchaus nicht selbstverständlich.

Als ehemalige Lehrerin und Groß- und Urgroßmutter schulpflichtiger Enkel und Urenkel interessiert und bewegt mich besonders, was im Bereich Bildung und Kultur allgemein und besonders in MV passiert. Mir ist bewusst und die Praxis bestätigt das eindeutig, dass die ökonomische Basis im wesentlichen die Inhalte und die Entwicklung aller anderen Bereiche der Gesellschaft bestimmt, auch wenn das viele Politiker und Historiker nicht wahrhaben wollen.

Manche Veränderungen im Schulsystem in den letzten 25 Jahren haben mich traurig und wütend gemacht. Aber die Übernahme des Grundbuches für Rassenhass und Völkermord »Mein Kampf« von Adolf Hitler als Unterrichtslektüre in die Schule zu bringen, ist für mich, und ich bin überzeugt, auch für viele andere Mitbürger, unerträglich. Ich habe in meiner Schulzeit gelernt und ich habe es später meinen Schülern und Studenten gelehrt, welche furchtbaren, kaum vorstellbaren grauenhaften Unmenschlichkeiten, den Zweiten Weltkrieg eingeschlossen, die Nazis im Namen des deutschen Volkes angerichtet haben. Darüber gab und gibt es ausreichende Literatur, die emotional und rational wahrheitsgetreu die Vorgänge und Zustände in der Zeit des Faschismus beschreibt und die auch durch wissenschaftliche Aufarbeitung belegt wurde.

Mich und meine Mitschüler, die die letzten Kriegsjahre und den schweren Neuanfang selbst noch miterlebt haben, erschütterten die Texte aus dem »Tagebuch der Anne Frank« und die Besuche der Mahn- und Gedenkstätten wie Buchenwald und Sachsenhausen, um zu solchen bewussten Erkenntnissen zu kommen, dass so etwas nie wieder passieren darf. In meiner ehrenamtlichen Arbeit mit Senioren erlebe ich viele Gesprächsrunden, in denen die älteren Menschen teils ängstlich aber immer besorgt, das »Wiedererwachen und Machen« neonazistischer Aktivitäten in Deutschland verurteilen.

Für notwendige Reformen im Bildungssystem fehlt es angeblich an Geld. Man kann nicht einmal ein einheitliches, über die Bundesländergrenzen hinausgehendes System herstellen. Es fehlen Lehrer überall, der übermäßige Unterrichtsausfall, die unzureichenden Ergebnisse bei Prüfungen und nicht zuletzt die mancherorts schlechten materiellen Bedingungen, wie z.B. marode und nicht behindertengerechte Schulgebäude,s ind u.a. große Mängel in unserem reichen Deutschland. Von den steigenden Profiten und den Steuermehreinnahmen des Staates kann man doch nicht solche banalen Dinge für eine gute Bildung unserer Jugend bezahlen. Da sind Militäreinsätze unterschiedlichster Art und Form in der Welt doch wichtiger. Oder? Und nun kommt ein weiteres Problem hinzu: Wer übernimmt die Kosten für die Ausbildung der Lehrer, die die kritische Edition, sprich die Interpretation des Teufelswerkes »Mein Kampf« als Lehrstoff beherrschen sollen?

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