Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Erst Pflegenotstand, jetzt Pflegekatastrophe, was kommt als Nächstes?

12.06.2018, Kerstin Schott, Wismar

Liebe Sozialministerin Frau Stefanie Drese, liebe Landesregierung, liebe Krankenkassen!

Die Häusliche Kranken- und Altenpflege in unserem Land ist am Limit. Es ist schon lange nicht mehr fünf vor zwölf, sondern 10 nach zwölf. Aufgrund von Personalknappheit in unseren Einrichtungen ist die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in unserem Land nur noch durch eine Vielzahl an Überstunden und Mehrarbeit der Pflegekräfte sicherzustellen. Nur wie lange halten diese noch durch?

Und das Ganze unter schweren Arbeitsbedingungen, wenig Anerkennung (Vergütung) durch Kranken- und Pflegekassen und weiterhin ausufernde Bürokratie.

 

Pflegedienste unserer Region haben überwiegend sehr gute Prüfergebnisse im Rahmen der jährlichen Qualitätsprüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) bzw. der Privaten Krankenkassen. Einmal jährlich prüft der MDK jede Pflegeeinrichtung im Auftrag der Pflegekassen und kontrolliert nach einer Vielzahl von Kriterien die Qualität der häuslichen Pflege. Hierbei geht es nicht nur um Pflegeleistungen der Pflegekassen, sondern auch um die medizinische Behandlungspflege nach dem SGB V (Krankenversicherung). Viele Qualitätsstandards kommen hierbei auf den Prüfstand, von der Einhaltung der Expertenstandards in der Pflege, Dokumentationspflichten oder hygienischen Anforderungen entsprechend der RKI Richtlinien. Auch die Kundenzufriedenheit wird erfragt, ebenso die Prüfung der pflegefachlichen Ausbildung der einzelnen Pflegekräfte und Pflegefachkräfte.

Übrigens wird im Rahmen der Qualitätsprüfungen auch die vertragskonforme Abrechnung der erbrachten Leistung mit den Kostenträgern kontrolliert. Auch hierbei können wir auf sehr gute Prüfergebnisse verweisen.

Umso größer die Freude bei uns ambulanten Pflegediensten, wenn sämtliche Prüfkriterien mit sehr gut benotet werden. Dieses sollte uns alle stolz machen, da es doch eine große Anerkennung für unsere tägliche, aufopferungsvolle Arbeit ist. Man könnte bei diesen Prüfergebnissen fast meinen, in der Pflegebranche läuft doch alles perfekt. Und das trotz schweren Arbeitsbedingungen, fehlendem Personal und, und………..

Die Politik, Krankenkassen, Pflegekassen verfolgen sehr genau die Prüfergebnisse ambulanter Pflegedienste, also warum sollten sie einen Grund haben, in der Pflege etwas zu Verbessern, läuft doch alles perfekt, siehe Prüfergebnisse.

Also, warum kann sich bei uns Pflegekräften trotz sehr guter Benotungen denn nun nicht endlich mal Freude und Stolz auf unsere geleistete Arbeit einstellen?

 

Weil wir Tag um Tag um die Durchsetzung von Rechten kranker und pflegebedürftiger Menschen mit den Kranken- und Pflegekassen kämpfen müssen.

Weil die Vergütungen häuslicher Kranken- und Altenpflege eine adäquate und leistungsgerechte Bezahlung unserer fleißigen, hochengagierten Mitarbeiter/Innen nicht zulassen.

Selbst die bereits bestehenden niedrigen Vergütungen der einzelnen Pflegeleistungen werden uns noch streitig gemacht. So werden oftmals ärztlich verordnete Leistungen von den Krankenkassen angezweifelt und ohne Prüfung vor Ort beim Versicherten abgelehnt oder gekürzt. Und das Ganze mit einem Verwaltungsaufwand auf Kosten der Beitragszahler, der schon beängstigend ist. Wie schön, wenn dieses Geld kranken, pflegebedürftigen Menschen zu Gute käme. War das nicht mal der Solidargedanke von Kranken- und Pflegekassen???

Und wie kann es überhaupt sein, dass Krankenkassen ärztliche verordnete und damit medizinisch notwendige Leistungen ablehnen bzw. infrage stellen können, das Ganze, ohne dass der Medizinische Dienst vor Ort war, um sich selbst ein objektives Bild von der medizinischen Notwendigkeit zu machen? Wieso kann ein Mitarbeiter einer Krankenkasse oder MDK hierüber eine Entscheidung treffen, ohne dass er jemals den Betroffenen überhaupt gesehen hat? Wieso wird einfach so in die Therapiehoheit von Ärzten eingegriffen? Weshalb wird keine Abstimmung mit dem verordnenden Arzt vorgenommen, sondern Pflegediensten untersagt, vom Arzt übernommene Aufgaben nicht erfüllen zu dürfen oder sogar die Vergütung bereits erbrachter Leistungen verwehrt?

Wie lange noch können Mitarbeiter von Krankenkassen bestehende Gesetze für sich willkürlich auslegen, nur damit auf dem Rücken von Bedürftigen Geld gespart wird. Wann verhalten sich endlich alle Beteiligten vertragskonform? Auch Mitarbeiter der Krankenkassen!

Ach ja. Und wie war das nochmal mit dem Sicherstellungsauftrag der Krankenkassen? Haben wir Pflegekräfte da vielleicht etwas falsch verstanden? Oder ist es vielleicht doch so, dass Krankenkassen verantwortlich sind für die ausreichende Sicherstellung aller Betroffenen mit Häuslicher Krankenpflege?

 

Liebe Politiker, liebe Krankenkassen,

wir haben keinen Pflegenotstand, nein, das wäre nicht die richtige Bezeichnung. Wir haben eine Pflegekatastrophe!

Wohlwollende Worte nützen uns leider nichts mehr, auch nicht zum Tag der Pflege. Für uns sind das alles nur noch leere Worthülsen. Lippenbekenntnisse lösen keine Probleme.

Unsere Mitarbeiter/Innen verdienen sicher eine bessere Bezahlung. Diese muss aber von Kranken- und Pflegekassen oder ggf. von den Sozialhilfeträgern auch refinanziert werden. Und dazu sind diese aktuell leider überhaupt nicht bereit. Daher brauchen wir deutlich mehr Unterstützung durch die Politik. Machen Sie sich selbst ein Bild über unsere tägliche Arbeit, wir laden Sie gerne ein.

 

Also! Prüfergebnis 1,0 hin oder her. Das löst die Probleme der Pflegebranche nicht! Und noch was. Hat sich eigentlich mal jemand Gedanken gemacht, auf wessen Knochen die 1,0 geht?

Stimmt! Genau richtig! Auf Knochen aller Pflegekräfte inklusive Betriebsinhaber.

Hat sich eigentlich mal jemand Gedanken gemacht, wer von uns Pflegekräften immer noch wieder neue Qualitätsstandards ( zum Teil Standards mit fragwürdigem Sinn bzw. kaum umsetzbar in der Praxis ), Leitlinien, Richtlinien und, und…. ( man nennt es auch überbordende Bürokratie ) umsetzen soll? Niemand von uns kann das noch stemmen. Was kann man Pflegediensten eigentlich noch alles aufbürden vor dem Hintergrund stetig steigender Qualität, reicht 1,0 denn nicht?

 

Liebe Bevölkerung! Seien Sie versichert, wir werden alles tun, um Hilfe zu leisten, da, wo es notwendig ist. Nur leider verfügen auch wir Pflegekräfte nicht über übernatürliche Kräfte, wir hoffen, dass wir noch lange durchhalten werden, um Ihre häusliche Versorgung sicherstellen zu können. Ob es uns auf Dauer gelingen wird, ist äußerst fraglich. Falls Sie mal keinen Pflegedienst mehr finden sollten? Ganz einfach! Wenden Sie sich doch einfach mal an Ihre Krankenkasse, denn diese hat den Auftrag, Sie mit Häuslicher Pflege in ausreichendem Maße zu versorgen, man nennt diesen Auftrag der Krankenkassen auch S I C H E R S T E L L U N G S A U F T R A G!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

 

Wismarer Pflegedienste und Umgebung

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