Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Erfülltes Leben

03.02.2012, H. Bomke

»Antisemitismus in Deutschland weit verbreitet« lautete kürzlich eine dpa-Meldung aufgrund des Antisemitismusberichtes im Auftrag des Bundestages. 20 Prozent der Deutschen seien »latent antisemitisch« eingestellt. Selbst wenn man die Prozentzahl anzweifelt, der Alltag ist erschreckend genug: im Landtag von MV sitzt wieder eine rechtsextremistische Partei, in Güstrow war über längere Zeit an Hauswänden des Schlagwort »Nationaler Sozialismus« einschließlich Hakenkreuz zu lesen, auf Schulhöfen ist »Jude« inzwischen ein Schimpfwort und anderenorts wurde das Denkmal einer Synagoge beschmiert (Magdeburg).

Wo liegen die Gründe für den bereits in der Mitte der Gesellschaft verankerten Antisemitismus? Meiner Meinung nach zählen hierzu das Unwissen über den »Nationalsozialismus«, richtiger wäre der frühere Begriff »Faschismus«, sowie die Verharmlosung seiner Gefahr. Mit dem jetzt käuflich zu erwerbenden Abdruck von Originalzeitungen aus der NS-Zeit sowie dem geplanten auszugsweisen Abdruck und Verkauf von Hitlers Machtwerk »Mein Kampf« können Geschäfte gemacht werden, aber nicht dem Antisemitismus begegnet werden. Profitieren können davon allenfalls die Neonazis.

Kürzlich wurde des 70. Jahrestages der berüchtigten Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 gedacht, in der über die Durchführung des Mordens an den europäischen Juden beraten wurde, übrigens beim Frühstück. Vertreter von Reichsbehörden und der Nazipartei waren die Teilnehmer. Einer davon war SS-Oberführer Klopfer von der Parteikanzlei. Nach dem Kriege durfte er sich als Rechtsanwalt in Ulm niederlassen, ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde 1962 eingestellt. In der Anzeige seines Todes 1987 hieß es, er sei »nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller, die in seinem Einflussbereich waren, verstorben«.

Soweit kann Verharmlosung des NS-System gehen. Darin bestand und besteht heute noch eine Gefahr für die Demokratie. Wer unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung bekämpft, muss mit Widerstand des Staates rechnen, notfalls mit der gebotenen Konsequenz seiner Gesetze, also bis hin zum Parteiverbot.

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