Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Einseitige Forschung

27.06.2018, Brigitte Schneider, Warnemünde

Die Universität Rostock verkündet, dass sie mit einem neuen Forschungsprogramm in den nächsten vier Jahren den »Mythen über das Erziehungs- und Bildungswesen der DDR« auf den Grund gehen will, weil nicht selten »im kollektiven Gedächtnis« verklärte Erinnerungen über die Zeit vor 1989 existieren. (Gelesen in einer Tageszeitung vom 27. Juni.)

Seltene Erinnerungslücken sind es wert, Millionen Steuergelder zu verschleudern, um den Mythos DDR-Bildung und -Erziehung zu bekämpfen, indem man ihn wissenschaftlich aufarbeitet.Warum kommt man eigentlich nicht auf die Idee, die Ursachen dafür exakt zu analysieren, die für die Mängel und Defizite des Bildungssystems im Kapitalismus verantwortlich sind? Und wenn die Forscher sich dann auch noch bemühen, Wege aufzuzeigen, wie man diese beseitigen kann, wäre ich gern bereit, noch mehr Steuern zu bezahlen.

Ja, ich war selbst in der DDR Lehrerin und habe mein Wissen und meine praktischen Erfahrungen an viele Studenten und junge Lehrer weitergegeben. Dazu stehe ich. Auch dazu, dass ich ihnen das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung und die Ursachen von Kriegen erklärt habe. Nicht selten bestätigen mir Ehemalige, dass sie erst jetzt richtig begreifen, wie Recht ich hatte.

Kürzlich erlebte ich, wie eine Gruppe von etwa 13- bis 14-jährigen Schülern in einem Bus einen ohrenbetäubenden Lärm machten, sich schubsten, boxten und die Fensterklappen geräuschvoll auf und zu machten. Ich war mit ihnen an derselben Haltestelle eingestiegen und konnte erkennen, dass die Schüler von drei Lehrerinnen bzw. Erzieherinnen begleitet wurden.Im Bus taten sie so, als gehörten sie nicht dazu. Aber sicher hatten (haben) sie keine Verantwortung für Disziplin und Ordnung, denn die persönliche Freiheit geht ja letztlich über alles, auch die der Schüler. Erst als ich mich zu Wort meldete und die Jungen und Mädchen darauf aufmerksam machte, dass sie andere Fahrgäste belästigen, legten sie den Finger auf den Mund als Zeichen für »leiser sein«.

Ich könnte noch viele ähnliche Beispiele nennen. Aber auch welche aus dem Bereich der Bildung. Dabei ist mir als Urgroßmutter von schulpflichtigen Urenkeln besonders aufgefallen, mit welchen schwachen Leistungen es trotzdem gute Schulnoten gibt. Ich habe auch erlebt, wie unterschiedlich die Qualität zwischen einer staatlichen und einer privaten Schule ist. Privilegiert sind auch in dieser Hinsicht jene, die bessere Bildung bezahlen können. Damit ich nicht falsch verstanden werde, ich habe nicht die Absicht, die heutigen Lehrer »schlecht« zu machen. Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit von ihnen sich sehr große Mühe geben, trotz der aktuellen Missstände und Mängel im Bildungswesen, eine gute Arbeit zu leisten.

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